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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 125

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Heidentum, Christentum, Judentum
Date
1921-01-01
Page
125 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen: Heidentum, Christentum, Judentum 125 In das immer werdende Judentum hineinstellte. Wir fühlten: das Judentum ist nicht eine wissenschaftliche Angelegenheit und mehr als eine Summe von Bräuchen, es ist der Lebensprozeß einer Gemeinschaft, der heute genau so bauend wirkt wie je. Das gab den inneren Zusammenhang. Und ich glaube, wo aus dem Gefühl innerer Kontinuität etwas als jüdisch erkannt wird, haben wir es mit wirklichem Judentum zu tun. Lasset, ihr Nur-Wissenschaftler des Judentums, eine Generation vorübergehen und ihr werdet auch an Brods Werk ein wissenschaftliches Objekt des Judentums verfechten! Nicht Brod, ihr selbst stehet mit kodifizierter Meinung vor dem Gebäude des Judentums und indem ihr durch die Fenster hineinsehet, vermeinet ihr darin zu sein I An der einen apologetischen Linie des Werkes läßt sich das (seit Buber) neue Stadium des Judentums erweisen. Nicht mehr, wie vor zwei Menschenaltern, eine bloße Verteidigung ethischer Prioritätsrechte gegenüber dem Christentum; nicht mehr, wie vor einem Menschenalter bei Cohen, eine Verteidigung des philosophischen Gottesbegriffes; sondern, alles dies nur als beiläufiges Material mit einbeziehend, die Erklärung des jüdischen Erlösungsgedankes aus allmenschlicher Tragik! Das Judentum ist aus einer sozialen Einrichtung, aus einer metaphysischen Hypothese wieder ein Problem der Seele geworden. Tiefer freilich ginge der Einwand, daß die Brodsche Formel des Diesseitswunders allzu sicherungsfreudig ist, wenn der Mensch selbst die Überirdische Gnade am Zusammengehen von Trieb und Pflicht erkennen soll! Wie, wenn höchste beglückende und schöpferische Einheit in einem Menschen nur durch das Unglück eines anderen möglich würde? Könnte dann aus bloßem menschlichen Gefühl auf überirdischen Gnadenwillen geschlossen werden? Hieße das nicht, göttliche Mysterien mit Begriffen messen? Aber hier gerade wird Brods Werk seine Kraft bewähren: es ackert Seelengründe auf, und vielleicht, daß wie vormals zur Zelt des Talmud, im Anhauch einsamer Zwiegespräche und auf einer neu gewonnenen Ebene jüdisches Seelengut herrlich aufblüht. Und nun vom Allerp ersönlichsten des Werkes! Es ist das Bekenntnis eines Künstlers. Liebesgefühl durchströmt es. In kluger Architektonik erfüllt das neuartig gelesene „Lied der Lieder* als die höchste Verklärung des Diesseitswunders die Mitte. In einer Zeit, da die europäische Kunst (endlich wieder!) religiös wurde und die Künstler ihr neues Wekgefühl mit christlicher Terminologie zauberisch umkreisten, begann Brod um sein Judentum zu kämpfen, d. h. um seine menschliche Rechtfertigung. Er weist selbst darauf hin, wie er von seinem Glauben an die welterlösende Kraft des Menschen, die er im „Tycho Brahe* gestaltet hat, zu seinem neuen Gnadenglauben im „Großen Wagnis** sich vorwärtskämpfte. Die in seiner Nähe leben, kennen den starken Wellengang dieser Jahre. Ich werde nie den Abend im Prager „Jüdischen Klub** vergessen, als ich gegen Brods damaligen Glauben an die kommende reine Gemeinschaft (welche die christliche Gnade ersetzen sollte), von den beiden Leidensbezirken der Existenz und Koexistenz des Menschen sprach und davon, daß Willensfreiheit, Pflichtgesetze, vererbbare Schuld, Politik nur bis an die Grenzen jenes zweiten Bezirkes gelten könnten, daß der Sinn des Messias nur der sei, die Erlösung vom Leid der Existenz zu bringen, wenn wir die Leiden der Koexistenz auf ihr geringstes Maß vermindert hätten. Damals begegnete ich Brod an irgend einer Stelle seiner neuen Gedankenwege. Denn in Widerspruch und Freude fühlte ich, wie nie seither, wases heißt, einen Menschen für einen Augenblick im Allerpersönlichsten begegnen Jenseits von Büchern und Zitaten leuchtete mir der jüdische Weg. Und ich weiß nun, indem ich Brods Bekenntnis lese, daß nichts so allgemein gültig ist, wie das Allerpersönlichste. Friedrich Thieberger

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