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Der Jude · 1921-01-01 · Heft 2 · p. 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 2
Article
Heidentum, Christentum, Judentum
Date
1921-01-01
Page
124 (sequence 2)
Language
German
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124 Bemerkungen: Heldentum, Christentum, Judentum Unglück vermindert, aber edles Unglück erhöht haben. Nur wenn über die beiden unvereinbaren Provinzen unseres Lebens der versöhnende Bogen göttlicher Gnade sich wölbt — und diese Ueberwölbung ist tiefster Gottesbeweis —, wenn der Trieb die Sache des Willens zu seiner Sache macht, stehen wir auf der höchsten Ebene der guten, schöpferischen Tat. Die Legende des R. Simon bar Jochai, der zwölf Jahre mit seinem Sohne in einem Erdloch verbringen muß und zu demütiger Weltverachtung emporreift, gerade um ihretwillen aber von Gott noch für ein Jahr in die Höhle verstoßen wird, bis den Welthasser die Weltliebe begnadet („Uns ist ein Wunder geschehen", ruft er dem Dasein zurückgegeben, „darum will ich eine gute Einrichtung treffen"): diese aus christlicher zu jüdischer Heiligkeit aufsteigende Legende 'offenbart den letzten Sinn des Judentums. Nach aller erlebten Tragik sagen wir Ja zum Irdischen, das „Diesseitswunder" überwindet die Zwiespältigkeit des Menschseins. Dieser neu erkannte Mittelpunktsgedanke ruft die bedeutsamsten peripherischen Wandlungen hervor. Verschüttete Quellen brechen auf, Fernen erhellen sich. Alle Varianten des Christentums (von der konsequenten Weltverachtung des Protestantismus bis zum katholischen Kompromiß mit den guten Werken) und seine Amalgambildungen mit dem Heidentum (die Triebe ruhig gewähren lassen!) werden bloßgelegt. Erschreckend erkennen wir, wie auf solchem Grunde Europas wirtschaftliche und politische Greuel wuchern. Im Lichtkegel des jüdischen Welterlebens wachsen die Menschen zu neuen Maßen. Paulus vor allem, der durch alle Qualen menschlicher Tragik Geschleifte, der „Wütendste und Zärtlichste", der Politiker um des Gottesreiches willen, baut sich Riesenzug um Riesenzug vor uns auf, überdimensional In seinem Judentum und überdimensional noch in seiner Abirrung, daß seine persönliche Gnade, der Glaube an Jesus, auch die Gnade für alle Menschen bedeuten müsse. Und Jesus selbst — wunderbar ist die Musik dieser Gestalt in ein paar Seiten eingefangen — steht mit seiner Liebe zu den geringsten Dingen des Diesseits, mit seinem Eifer für das Gesetz, das die Provinz des edlen Unglücks regeln soll, mit seinem Sendungsgedanken für sein Volk, zu dem allein er seine Jünger schickt (die „allmenschliche" Nationalitätenvermischung war ihm fremd), durchaus im Rhythmus jüdischen Wohlgefühls. Und über Jahrhunderte hinweg, als schon der paulinisch-christllche Gnadengedanke in das europäische Bewußtsein sich eingesenkt hat, erscheinen Gestalten, die ihr Christentum erneuern, indem sie von seinem jüdischen Anteil leidenschaftlich Besitz ergreifen: so der weltliche Dante, den das Liebeswunder durch alle Höllen und Himmeln zur Erde zurückführt, den nicht der Glaube an Christus begnadet sondern das persönliche Erlebnis Beatrice, die Führerin zum Irdischen und Göttlichen; so der einsame Kierkegaard, der den Verzicht auf die Endlichkeit für erhaben, aber die Wiedergewinnung der Liebe zum Endlichen aus Glauben an das Unendliche für erhabener hält. Wie sich später aus der Glaubensliebe zum Absurden der neue Christusglaube Kierkegaards in schmerzhafter Dialektik herausbildete, dem hat Brod mit so großer und sanfter Kunst nachgespürt, das man das Weh der freigelegten Seele manchmal ganz nachzufühlen meint. Und neben diesen Großen, die Europa kannte und doch nun neu erkennt, wie groß erscheint das Leben der Chanina, Akiba, ben Sakkai, bar Jochai, des Eliahu Gutmacher und der unvergessenen Namenlosen! Und wie wachsen sie zu plastischer Ganzheit, wenn am Ende des Werkes der Heide Homer aufragt, ratlos in seinem tragisch-religiösen Gefühl, das er mit der Freude an den Kulissen der Wirklichkeit betäubt! Man wird Brod vorwerfen, daß seine Formel des Judentums willkürlich ist, daß er gleichsam mit einem vorgeformten Sieb von Gedanken die jüdische Ueberlieferung durchklaubt. Da sei zunächst gesagt, daß Brod niemals Probleme beiseite schiebt, die sich ihm widersetzen, wie die Pflichtgebote vor der Gnade, Willensfreiheit und Väterschuld. Dann aber Grundsätzliches: man hat in der uns vorausgehenden jüdischen Aufklärungsepoche das Judentum als ein endgültig abgeschlossenes Gebilde „betrachtet". Es war für religiöse Erwägungen ein gut verwaltetes historisches Objekt. Bis Martin Buber die Seelenschleusen wieder öffnete und uns — nicht in das einmal gewordene, sondern —

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