Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Das Neue
- Date
- 1921-01-01
- Page
- 123 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Das Neue 123 mann am 12. Kongreß sich rühmen, nie wäre die jüdische Sache stolzer vertreten worden, als durch Ihn und Sokolow. Das schaffte in unserer dumpfen Erniedrigung Atem. Und wenn die Alijah-Parole trotz all unserem heutigen Besserwissen nach den Pessach- Unruhen in Jerusalem uns alle wiederum Mut schöpfen ließ, so war es darum, weil diejenigen, die sie ausgaben, in jener Stunde in sich die Kraft schufen, die furchtbare Verantwortung dafür, eine Verantwortung nicht nur für viele Menschenleben, sondern vor allem für das Schicksal des Volkes zu tragen. Das Neue der kommenden Zeit wird vor allem darin bestehen müssen, daß Menschen dieser Art in unserem Volke immer mehr und mehr hervortreten. Das ist nicht bloß so gemeint,daß sie immer zahlreicher werden müssen, sondern auch ebenso, daß sie immer mehr zur Wirkung kommen und Einfluß auf die Gestaltung des jüdischen Lebens nehmen müssen. Es ist wohl Überflüssig zu betonen, daß damit nichts weniger als einer Intellektualisierung des Zionismus das Wort geredet werden soll. Wohl aber ist die Schaffung eines starken geistigen Lebens zunächst der wichtigste Weg zu diesem Ziele. Nur darf dieses geistige Leben nicht Abstraktionen zum Gegenstande haben, es muß vielmehr einzig und allein das Bewußtmachen unseres allerrealsten Lebens, seiner ganzen parasitenhaften Niedrigkeit erstreben, um abseits von allem großtuerischen Lärm und aller das Gewissen beruhigenden Geschäftigkeit den Willen zur wirklichen Tat auszulösen, die vor allem in der Liebe zum wesenhaften Leben und in der Fähigkeit zur Hingebung an Ueberpersönliches ihre Wurzel hat. Oskar Epstein HEIDENTUM, CHRISTENTUM, JUDENTUM Max Brods Bekenntnisbuch (2 Bände, Kurt Wolff Verlag, München) ist nicht wie ein farbiger Glassturz, unter den man, rhythmisch bewegt oder erlebnisgierig schlüpfen könnte, um für Augenblicke Menschen und Dinge in neu ergötzlicher Transparenz zu sehen. Dieses Buch ist ein Werk: Generationen werden an ihm nachbauen, werden sich in ihm einbauen; mag seine gestaltete Eorm von ihnen zerbrochen werden, an seiner reinen Form werden sie wachsen. Denn es ist eigentlich nur eine Idee, um welche die vielgestaltige Masse des Werkes sich türmt. Aber eine von jenen Ideen, in denen eine geschichtliche Erkenntnis mit einem ewigen Ereignis der Seele zusammentrifft. Durch das Gestrüpp unlösbarer Tragik geht der Menschen Weg. Wir sehen im Geist das Unendliche und tappen mit unseren Händen im Endlichen. Wir halten unseren Willen auf das Gute gerichtet und haben keine Macht über das, was die Richtung umbiegt. Wir wollen durch unser Tun Leid vermindern und unsere bloße Existenz überquillt von unausschöpfbarem Leiden. Aus solcher Wirrnis rettet nur der Glaube. Das Heidentum sagt: Erdulden wir das Unabwendbare! Finden wir den Funkt, von dem aus das Schlechte ebenso notwendig erscheint wie das Gute! Dann durchströmt uns die Harmonie der Welt. Und wir haben doch nur diese eine Welt; wenn wir sie verlleren, ist alles verloren. — Das Christentum aber lehrt: Verlieren wir nur diese körperliche Welt, damit wir die ewige gewinnen! Was ist Leid und Unglück im Hinblick aufs Unendliche? Wir können die Seele, das eingeschnürte „Stückchen" Unendlichkeit in unserem Leibe aus eigener Kraft der Tragik nicht entreißen. Unfreien Willens sind wir, nicht einmal das Gute zu wollen fähig. Lasset uns auf die Gnade Gottes hoffen, die allein das Wunder des Guten — vielleicht durch uns — vollbringt! — Das Judentum aber verkündet — und hier setzen Brods neue Gedanken ein —: Auch diese endliche Welt mit ihrer Tragik ist gottgewollt. Demütig erkennen wir das „edle Unglück", das unserem Willen entrückte, in der Ohn^ macht vor dem Unendlichen, in der Verzweiflung Liebender, in der Triebhaftigkeit des Leibes; aber empört wehren wir uns gegen das „unedle Unglück", das die Gemeinschaft der Menschen verschuldet hat, gegen Mord und Versklavung, gegen jedes Leid aus gewollter Ungerechtigkeit. Denn mit unserer Empörung erleben wir die Freiheit unserer Tat innerhalb der Provinz des unedlen Unglücks. Wir haben die Möglichkeit, unedles Unglück zu vermindern, aber nur diese eine Möglichkeit. Freilich kann es geschehen, daß wir dann gegen die ganze Organisierung unseres Wesens handeln, daß wir unedles 9*