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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 71

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Gnade und Freiheit [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
71 (sequence 3)
Language
German
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Umschau : Philosophie 71 Thomisten vertreten wurde, indem diese die Gnade als prädeterminiert auffaßten. Eine Ueberspannung des Freiheitsmomentes wird darin liegen, wenn der Freiheitsglaube das Absolute, das in den Freiheitsakt einfließt und ihm erst Wirklichkeit und Realität gibt, zum bloßen Ziel, Blickpunkt herabsetzt. Am besten scheint von neueren Philosophen Cohen dieser Gefahr entronnen zu sein. Er macht (s. Weltsch Seite 130) darauf aufmerksam, „daß im Judentum die Transzendenz Gottes nur bedeutet: die Suffizienz des Menschenfür die Behauptung seines Menschtums"; d. h. Gott verbürgt das Ziel, den Erfolg, den Sieg der sittlichen Selbstarbeit des Menschen. Das Christentum dagegen — sagt er — nimmt teil an der Zweideutigkeit des Pantheismus und läßt schon an der sittlichen Arbeit selbst den Gott im Menschen teilnehmen. Nach Cohen muß Erlösung und Befreiung unterschieden werden. „Die Arbeit der Befreiung allein liegt dem Menschen ob: seinem Wesen, seinem Berufe, seinem Begriffe fern jedoch Hegt das Resultat der Befreiung: die Erlösung; sie allein steht bei Gott. . . Mensch und Gott bleiben geschieden, wie Streben und Gelingen, wie Kampf und Siegespreis . . . Die Grundbedeutung Gottes ist also die Bürgschaft für die Realität des Sittlichen*. Das heißt: vollziehe du den Freiheitsakt und er erfüllt sich dir von selbst mit Substanz; der Inhalt ist immer bereit in dich einzuströmen, du hast nur das Deinige zu tun und zu wollen, dann ist der Erfolg gesichert. Weltsch aber, der sich so sehr gegen jede Sicherung sträubt, ist dem Fehler verfallen, Gott zum bloßen Blickpunkt herabzusetzen. Er unterscheidet „Sein" und „Wirklichkeit". Gott hat „Sein", aber er wird erst durch uns verwirklicht. Gegen diese von Buber beeinflußte Terminologie wäre an sich nichts einzuwenden, wenn nicht Weltsch hinzufügte, das Sein des Absoluten vor der Verwirklichung sei „bloßes Möglich-Sein, sinnvolles Gedacht-werden-können"; d. h. Gott wird ganz zur Möglichkeit herabgedrückt, der Weg des Geistes wird zum wahrhaften Gott-Schaffen, die metaphysische Bedeutung des Werdens wird ins Maßlose überspannt, es kommt zum lästernden Resultat des Angelus Silesius: »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein". Gott ist auf den Menschen angewiesen. Ich habe in meinem Aufsatz über die Heiligung des Namens, auf den sich Weltsch bezieht, wohl davon gesprochen, daß die Verwirklichung Gottes von dem Menschen abhängt, aber ich habe betont, daß neben diesem Werdens-Prozeß der Gottheit — im Menschen — die Realität Gottes festgehalten werden muß. Wenn also mit Recht der Menschheitprozeß als metaphysisch-kosmisch bedeutungsvoll angesehen wird, wenn von einer Erlösung Gottes gesprochen wird, so muß doch — wollen wir nicht in Atheismus verfallen — hinzugefügt werden, daß im Menschheits-Prozeß Gott erlöst wird für den Menschen, nicht an und für sich. Der Kampf der Menschheit auf ihrem Wege ist ein Kampf um die Gotterfülltheit ihres Lebens, um die Offenbarung Gottes in ihr. Das Endliche kämpft um seinen Sinn, um seine Erfüllung mit dem an sich Seienden Unendlichen. Die Freiheit ist entweder Nichts oder sie hat Substanz; um Gott kämpfend, kämpft sie um sich selbst, um ihren Sinn. Weltsch bezeichnet diesen Standpunkt als den des gläubigen Freiheits-Anhängers und glaubt, ihn mit dem Standpunkt des ungläubigen Freiheits-Anhängers, der Gott ganz und gar in die Geschichte der Menschheit hineinverwickelt, vereinigen zu können. Ich glaube nicht, daß dieser Versuch (Seite 143) gelungen ist. Der hauptsächliche Grund, warum Weltsch das Sein des Absoluten zum bloßen Möglich- Sein herabdrückt, ist seine Furcht vor allzu flachem Optimismus. Er fürchtet, daß der Glaube an die volle Wirklichkeit des Absoluten zur Folge hat, „daß das ganze Experiment des Welt- und Gott-Werdens von vornherein gesichert ist"; und dies will er nicht zugeben, denn „nur dann ist unsere Aufgabe metaphysisch mit dem schwersten Gewicht beladen, wenn alles unsicher ist und alles vom Werden abhängt". Hier fällt nun das Wort vom „Experiment des Gott-Werdens", das so ganz und gar atheistisch ist. * Wie die Entwicklung des Geistes, dieses Durchbrechen der Freiheit vor sich geht, hat Weltsch in wunderbarer Weise dargetan; seine Unterscheidung von tiefem und flachem Wollen, seine Lehre vom ladenden Willen, seine Polemik gegen die, welche sagen: „Ich kann nicht" und seine Aufforderung an die Schwachen, die nicht tief wollen können, „üach zu wollen, — aber mit dem festen Glauben an seinen Willen und mit dem niederdrückenden Gefühl der Sündbarkeit, mit dem verzweifelten Bewußtsein, daß man verdammt ist und daß das flache Wollen nimmermehr zu erlösen vermag", — diese Lehre von Felix Weltsch ist so erhaben tröstend, so zuversichtlich, so im besten edelsten Sinne jüdisch, daß jeder Auszug, den ich versuchen würde, ihre Wirkung herabsetzen müßte. Hugo Bergmann

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