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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Gnade und Freiheit [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
70 (sequence 2)
Language
German
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yo Umschau: Philosophie eben bei der formalen Erkenntnis sagen mußten, daß nicht jede Hypotheseis zerstört werden kann, so muß auch hier gesagt werden : einzelne Grundsätze, wie zum Beispiel das Kausalgesetz, mögen sich aufheben lassen und ihre Anwendung bloß regulativ, bloße Forschungshilfe sein — die Frage ist, ob die Hypothesis aller Hypothesis, der Satz ' von der Rationalität, der wissenschaftlichen Begreiflichkeit der Weit, auch nur eine Hypothese ist. Diese Grund-Hypothesis ermögicht ebenso alle Erkenntnis des Faktischen, wie der Satz des Widerspruchs alle Erkenntnis überhaupt. Er:ist also nicht bloße Hypothese, die gestützt oder zerstört werden könnte, sondern Wahrheit. Freilich unbeweisbare Wahrheit, Ausdruck unseres Willens, unserer subjektiven Setzung, unseres Vertrauens. Das unermeßlich Wichtige, das es nun zu begreifen gilt, ist, daß diese bloß subjektive Setzung sich mit einem obj ektiven Inhalt erfüllt. Ich muß nicht Erkenntnis wollen, ich kann auf den Satz des Widerspruchs und den Satz der wissenschaftlichen Erfahrbarkeit der Natur verzichten; aber w e n n ich die Setzung vollziehe, dann bin ich gebunden, ich kann nicht auch andere Grundsetzungen vollziehen. Am Anfang unseres Wissens steht ein freier Akt, aber die Freiheit erstreckt sich nur auf das rein formale Moment: „Ich will wissen". Ist dieser freie Akt einmal vollzogen, dann ist er gebunden. Die Freiheit geht also nur auf die in sich leere Form des Bewußtseins, sie hat bloß die Funktion eines Spiegels. Ein falscher Idealismus glaubt, daß unser Bewußtsein die Welt erzeuge. Nein. Das Licht, das wir zur Welt hinzufügen, ist rein passiv, ist „bloß Aufklärung", wie Fichte in der für das Verständnis dieses ganzen Problems grundlegenden Wissenschafts-Lehre von 1801 sagt. Unser Tun ist nur soweit schöpferisch, als es „dem Absoluten ein Auge einsetzt". Das Verhältnis des Wissens dem Absoluten gegenüber ist nicht anders als das Verhältnis des Auges zur Außenwelt. Der Augenaufschlag ist mein Werk; was mein Auge sieht, strömt in mich ohne mein Wollen. So ist auch der Wissensakt frei, der Wissensinhalt gebunden. Unsere Freiheit kann nur den Sinn haben, dem Absoluten die Schleuse zu öffnen; haben wir das getan, so strömt das Absolute von selbst ein. Wollen wir dagegen den Beweis der Freiheit ungebührlich ausdehnen und auch im I n - halt frei schaffen, so können wir dies nur tun auf Kosten der Wahrheit. Der Erkennende ist gebunden, der Irrende freilich hat unendlich viele Wege vor sich — es gibt unendlich viele Irrtümer und nur eine Wahrheit. — Aber seine Freiheit ist dann nicht erfüllt mit Substanz, sie ist wesenlos. Und wie im Wissen, so auch im Übrigen Tun, auch hier ist Freiheit nur formal, nur Oeffnung der Schleuse; was folgt, ist Notwendigkeit, wenn das Tun überhaupt wesenhaft ist. Von hier aus können wir verstehen, wie Fichte, der Freiheitsenthusiast, sich energisch dagegen wehrte, die Freiheit in der Weise zu definieren, daß wir so oder auch anders handeln können. Der Künstler ist frei, ehe er sich entscheidet, dies oder das zu gestalten-; hat er sich einmal entschieden, dann erfolgt die Gestaltung nach ihren eigenen Gesetzen — wenn sie Überhaupt etwas wert ist. Das Kunstwerk ist so wenig willkürlich, wie eine Blume oder ein Kristall. Nur dem Irrtum eignet die Freiheit der Willkür. * * * Wahre Freiheit ist also Freiheit-f-Gebundenheit, gebundene Freiheit, und je nachdem, welchen von diesen beiden Faktoren man betont, kommt man entweder zur Betonung des Schöpfertums, des Neuen in der freien Tat, oder zur Betonung der Gnade, das ist der Substanz, die sich — wenn einmal der Akt der Freiheit erfolgt ist — uns von selbst gibt. Weltsch, der aufs tiefste von Bergson beeinflußt ist, betont vor allem den schöpferischen Charakter des Lebens. Das Leben ist wirkliche Neuschaffung, wirkliche Entscheidung. Er wehrt sich gegen jede Auffassung, welche dem Leben seinen entscheidenden Charakter nehmen möchte, gegen jeden Optimismus, der den Sieg des Guten in der Welt von vornherein für gesichert glaubt, ebenso wie gegen jeden Mechanismus, dem der Ablauf des Lebens von vornherein gesetzlich festgelegt ist. „Nichts verträgt der wahre Begriff des Werdens weniger als Sicherheit. Was im vorhinein feststeht, hat kein Werden mehr. Das Werden, dessen Ausgang sicher ist, ist nur ein zerlegtes Sein, ist Fertig- Sein und nicht Schöpfung". „An die absolute Sicherheit des Werdens-Erfolges glauben, heist den Begriff des Werdens von Grund aus zerstören, denn die absolute Ungewissheit vor dem Werden trägt das Werden in seinem Wesen. Alles andere "ist eine Verfälschung und Verflachung dieses Begriffes. Darum kann, wer an die höchste Wirklichkeit des Werdens glaubt, nicht an die absolute Sicherheit des Werdenserfolges glauben. Wohl aber — und das ist sein sittlich religiöser Optimismus — an die Möglichkeit dieses Erfolges". (S. 131). Nach beiden Richtungen, nach der Seite der Gnade und nach der Seite der Freiheit, ist Ueberspannung möglich; nach der Seite der Gnade wird von der Wahrheit abgewichen, wenn gemeint wird; daß auch der freie Akt selbst, der erst die Tür zur Gnade aufstößt, Werk der Gnade sei. Bei Weltsch, der eine sehr übersichtliche Geschichte des Gnadenbegriffs gibt, erfahren wir, daß diese Lehre, welche alles auf Gnadenwirksamkeit zurückführt und die Gnade zur gratia efficiens per se machte, von den

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