Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Um jüdisches Volkstum [Rezension]
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Um jüdisches Volkstum 51 ihre mehr als zweihunderttausend zählenden Waisenkinder, die in den Wäldern irren und Hungers sterben, diese Menschen- und Blutsbrüder des deutschen Dichters Wassermann, für die es auf der ganzen Welt keine Rettung und Gerechtigkeit gibt, sie fragen auch: Wozu? Wen solches Wort, zerschmetterndstes Wort der Klage und Anklage: wozu sterben wir? warum dürfen wir nicht leben?, nicht niederwirft, wen diese folternde Frage eines Sterbens, das durch keine, nicht einmal eine falsche Idee sinnvoll oder beschönigt, durch keine andere Verfehlung als die des bloßen Daseins gerechtfertigt wird, nicht zerbricht und in jeder Lebenszuversicht beugt, dessen Schuld zu verzeihen ist nicht mehr Menschenrecht. Angesichts dieser Toten und Sterbenden wage Wassermann die Frage zu wiederholen, um ihren Aberwitz zu erkennen: was wäre gewonnen, wenn ihr, vom Untergang errettet und nicht mehr unabwendbar hilflos, als freies Volk lebtet: um euret-, um der Welt willen? Welchen Hochmut bedeutet schon jener Satz, der über das Leben eines Volkes vom Richterstuhl literarischer Aesthetik dieses kalte Verdikt fällen will: „Was in der jüdischen Diaspora als Idee davon (sc. von der jüdischen Nation) lebte, schien mir besser, höher,fruchtbarer als j eg 1 i ch e R e a 1 i tät". Wo ist denn die Idee dieses Lebens im Exil, das im Osten ein martervolles Sterben, im Westen unaufhörliche seelische Qual ist, deren letzter Blutzeuge ja Wassermann selbst durch seine erschütternde Aussage geworden ist? Er nenne sie! Die dunkle, fragwürdige Hoffnung, die am Schlüsse seines Buches, schwach und müde schon bei der Geburt, zaghaft zu atmen wagt, ist unbestimmt und kann nichts als den längst abgestandenen liberalen Missionsgedanken von der Beförderung der Humanität meinen. Vor dem wenige Seiten zuvor mit bebenden Worten, zerrissener Seele und tödlicher Bitterkeit hervorgestoßenen Bekenntnis der Vergeblichkeit aller Anstrengung um das deutsche Volk und der völligen Unerträglichkeit des deutschen Hasses wirkt sie unmotiviert und unglaubwürdig. — Welche Ueberhebung besonders dieses apodiktische : «... fruchtbarer als j e g 1 i c h e Realität"! Bie Scheu des sogenannten „Realpolitikers" vor der Idee hat hier ihre Umkehrung in der Angst des Dichters vor der Realität gefunden. Doch gleichwie die Idee von einer reineren Wirklichkeit ist als die brutale Tatsachenwelt des „Realpolitikers", ist das Leben von reicherer, fructhbarerer und lebendigerer Idealität als diese nicht mehr schöpferisch-künstlerische, sondern bereits kunstlich-rationalisierte Ideenabstraktion des Dichters. Müssen denn immer erst „die Toten erwachen", um dem Dichter, dem seine Idee ausschließliche Wirklichkeit ist, das Leben zu lehren? Und wenn das jüdische Volk noch nicht völlig vom Tode zu seiner, zur jüdischen Wirklichkeit in seinem Lande aufgewacht ist, weil die Verwirklichung nur langsam und unter Schmerzen vor sich geht, ist es so gewiß, daß diese Wirklichkeit schlechter, geringer und ärmer sein muß als die Idee des Judentums in der Zerstreuung und Verbannung? Der Zionismus ist kein „wirtschaftlichphilanthropisches Unternehmen", als das Ihn Jakob Wassermann allein gelten lassen will. Soweit er die jüdische Emigration nach dem wirtschaftlich noch unerschlossenen Palästina hinzulenken versucht, ist er durchaus antiökonomisch und hat daher mit Recht den Zorn Karl Kautskys erregt, des Papstes der inzwischen schismatisch gewordenen ma^istischen Kirche. (Man vergleiche seine Broschüre „Rasse und Judentum".) Auch die Philanthropie hat weniger gefährliche und komplizierte Mittel der Hilfeleistung als die nationale Konzentration in diesem Lande, die ohne opfervollste Hingabe (nicht der Philanthropie, sondern der von ihr Betroffenen) unmöglich ist. Hier geht es um mehr. Die Frage auf Tod und Leben wird gestellt: die nationale und im Osten auch die individuelle Existenzfrage des Juden. Nur die Not, meint Wassermann, gebe ihm Unrecht. „Historisch-politisch betrachtet war ich vielleicht im Recht". Aber nichts gibt ihm mehr Unrecht als die Geschichte, vor allem des 19. und unseres Jahrhunderts. Wieder zeigt sich der Mangel geschichtspsychologischen Verständnisses, der besonders in und seit dem Kriege fast alle polltisch philosophierenden deutschen Dichter auszeichnete. Wer anders wenn nicht Menschen, allerdings Männer höchsten geistigen Ranges, die Träger des idealistischen und des politischen deutschen Nationalgedankens, von Fichte bis Bismarck, haben die deutsche Nation „gewollt 4*