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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 50

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
6 (1921-1922)
Issue
Heft 1
Article
Um jüdisches Volkstum [Rezension]
Date
1920-01-01
Page
50 (sequence 2)
Language
German
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ßemerkungen: Um jüdisches Volkstum Archivregistrator hat den Mut, persönliches Zeugnis, privates Eigentum eines Dichterdaseins als deutsches oder jüdisches Gemeingut zu „nationalisieren"? Wo Wassermann jedoch selbst polemisch wird, stürzt er sogleich in Widersprüche. Polemik zwingt dann den Leser zur Replik, Bezweiflung zu Begründung, Frage verlangt Antwort» Stellen Beichte und Bekenntnis, was ihnen die erlösende und reinigende Wirksamkeit verleiht, die eigene Person in Frage, versuchen sie Antwort zu geben auf die Problematik des Bekennenden, dann läßt Ehrfurcht vor dem Schicksal, Verehrung der Persönlichkeit allen Widerspruch und Einwand verstummen. Oft erkennbarer und verständlicher noch in seinen Irrtümern als in seinen Vorzügen, offenbart sich der Mensch wesentlich nur durch seinen Gehalt und seine innere Form, der keiner ihrer falschen Inhalte etwas anzuhaben vermag. Was Wassermann solchermaßen als sein persönliches Empfinden gegen den Zionismus bekennt, dem er'nicht standzuhalten vermag, dem er „unsicher, bisweilen schmerzlich unsicher" gegenübersteht, dessen Forderung für seine „lebenswichtige Sache" ihn „stets in Verlegenheit setzte", Überzeugt durch seine schonungslose Offenheit. Ja ergreift sogar — so vermag der Wille zu letzter Aufrichtigkeit menschliche Schwäche zu verklären und zu erhöhen! — in der Darstellung eines Motivs, trotz aller gefährlichen Nacktheit des enthüllten: Abneigung gegen den Schöpfer der Idee wurde dem Dichter zur Abneigung gegen sein Werk. — Setzt der Bekennende hingegen eine allgemeine These, verallgemeinert er persönliches Erleben zu politischer Maxime, vergröbert er es zur Diskussionsbasis, so ruft er nicht bloß Widerspruch hervor, sondern ist eigenen Widersprüchen selbst verfallen. Wie ist beispielsweise Wassermanns Erkenntnis des tieferen Wesens des Zionismus als einer „in messianischer Fasssung sich darbietenden religiösen Idee", einer Ausdrucksform des Glaubens an die Erlösung also, vereinbar mit jenem keineswegs sehr ungewöhnlichen Einwand einer billigen Kasuistik: „Was wäre gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, auf einarider eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die jüdische* zwei Dutzend und eine geworden wären?" Ist damit das Rätsel des Lebens zu b ezwingen oder spricht Wassermann mit diesem Einwand gegen das Leben selbst? Flüstert nicht immerzu jedem Menschensohn der Versucher die tödliche Frage ins Ohr, die 4er Widersacher an jedem neuen Schöpfungstage Gott entgegenruft: Was ist gewonnen, wenn wieder ein neues Menschenwesen, eine neue Welt, ein neues Sternensystem in den Kreis des Lebens und Atmens eintritt? Zu dem myriadenfach vereinzelten Unglück, das Gottes Erde bevölkert, noch eines, eine neue Beute der Todes- und Lebenspein? — Ein Dichter, ein Schöpfer, Vollstrekker göttlichen Amtes und Auftrags in der jeden Augenblick sich neuerschaffenden, erneuernden Welt, vermißt sich, das Geheimnis des Werdens aufzulösen wie ein Rechen exempel» Leben und Schöpfung als Mach- und schlechtes Menschenwerk aufzudecken? „Es widerstrebte mir das, was sie die jüdische Nation nannten^ rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von Menschen gewollt und gemacht werden0, heißt es weiter. Ein Dichter, der mit jedem Atemzug die Schöpfermacht, das gestaltende Prinzip des Lebens zu besiegeln und zu bestätigen berufen ist, der vor jedem Neugeborenen, auch einem von Menschen „Gemachten" und oft nicht einmal Gewollten, ohne Widerstreben als vor dem ergreifendsten Lebenswunder steht, fragt ein — sein eigenes! — Volk nach Lebensgrund und Existenzberechtigung? Ein Dichter wird von dieser schmerzlichsten und schwersten aller Geburten, dieser unsagbarsten aller Auferstehungen, dieser letzten, äußersten Hoffnung eines niedergemetzelten, verhungernden oder in sattes Mimikry-Behagen desertierenden Volkes so wenig angerührt, daß er kalten Herzens fragen kann: Wozu? Wozu? Menschheit, Völkerversöhnung, soziale Gerechtigkeit, die des jüdischen Volkes bedürfen als ihres treuesten Vorkämpfers, seien, da falschen Pathos verdächtig, nicht zur Antwort gegeben. Aber — dies mag so ruhig und leise erwidert werden, als ob einem das Herz sich nicht zusammenkrampfte, das Wort in der Kehle nicht abgewürgt und stimmlos würde — hundertfünfzig- oder hundertachtzigtausend abgeschlachteter, vergewaltigter, zu Tode gemarterter Juden in der Ukraine und

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