Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 6 (1921-1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Probleme der jüdischen Wanderung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Katzenstein: Probleme der jüdischen Wanderung 17 JULIUS KATZENSTEIN / PROBLEME DER JÜDISCHEN WANDERUNG Es ist an der Zeit, die Fragen der jüdischen Wanderung zu betrachten und sie in den Mittelpunkt des Interesses zu rücken.. Ihre Wege, ihre Gestaltung, ihre historischen, sozialen und politischen Gründe und Auswirkungen müssen uns vertraut werden. Es ist an der Zeit, zu prüfen, ob nicht die Gestaltung der äußeren und der inneren jüdischen Ereignisse zu mehr als zu sachlicher Betrachtung, nämlich zu tätiger Mitwirkung zwingt. Es gibt verschiedene Gesichtspunkte, von denen aus sich das Problem der Wanderung des jüdischen Volkes betrachten läßt. Zunächst den historischen: es wird berichtet, wann, wohin und in welchem Umfange Juden gewandert sind. Dann den sozial-ökonomischen: es wird aufgezeigt, in welcher Stärke ökonomische, äußere Ursachen Verschiebungen jüdischer Massen bedingt haben. Des weiteren den nationalen: es wird untersucht, wie der Komplex des jüdischen Volkstums in seinem Bestände und seiner Zusammensetzung durch das stete Fluktuieren seiner Elemente berührt wird. Diese Gesichtspunkte sind überwiegend objektive, sachliche. Ihr Ziel ist Feststellung von Tatsachen. Ihre Methode ist Konstatierung mit Hilfe der Statistik und der Ausdeutung wirtschaftlicher Faktoren. Ihr. gewollter Erfolg ist zuweilen — als Nebenerfolg — Hinweis auf die Notwendigkeit, den Menschen, welche Gegenstand dieser Untersuchung sind, zu helfen, bezw. organisatorische Maßnahmen zu treffen, welche die — im übrigen als unabänderlich feststehend angenommene — Wanderung selbst müheloser und humaner gestalten sollen. Lediglich der nationale Gesichtspunkt bedingt — bis zu einem gewissen Grade — die Fällung eines Werturteils und damit irne^mehr subjektiv gerichtete Einstellung, denn es muß dargelegt werden, ob die Wanderung lediglich Ausbreitung des Volkskörpers mit sich bringt, oder destruktive oder andere Tendenzen hat. Das sind Fragen nach gut oder böse, wertvoll oder gefährdend für das Volkstum, mithin Werturteile. Den verschiedenen Gesichtspunkten der Betrachtung der Wanderung entsprechen ebensoviele Gründe, welche die Wanderung bedingen. Da sind politische Gründe: Die Regierung eines Landes vertreibt die Juden oder bedrückt sie derart, daß ein Verbleiben in dem jeweiligen Lande unmöglich wird. Es sind ökonomische Gründe: Im Wohnlancie ist die materielle Existenz gefährdet oder ein anderes Land mit aussichtsreicheren ökonomischen Bedingungen wirkt als Anreiz. Persönliche Gründe: Verwandte in anderen Ländern. Religiöse Gründe: Verfolgungen um des Glaubens willen oder Unmöglichkeit, unter den herrschenden Verhältnissen gemäß den Anforderungen der Religion zu leben. Im Rahmen der Betrachtung oder der Darstellung erhalten diese Gründe ihre Bedeutung je nachdem, ob sie einmalige, unter einer ganz besonderen Konstellation mögliche sind (so die Austreibung der Juden aus Spanien 1492), Heft! 2