Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Wirtschaftsgeschichte
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 747 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ümschau: Wirtschaftsgeschichte 747 Lehre bestimmt worden sei, während sie doch nur ohne gebührende Schätzung dieses Einflusses nicht begriffen werden kann. Daraus und aus der Vorbildung des Autors in allgemeiner Rechts- und Wirtschaftsgeschichte erklärt es sich, daß das ganze Werk gleichsam wie eine Chronik der mittelalterlichen Wirtschaftspolitik gegen die Juden erscheint und daß diese durchwegs als Objekte der wirtschaftlichen Entwicklung auf« gefaßt werden. Aus diesem Grunde fällt auch die soziale Geschichte höchst dürftig aus. Caro vermeidet ängstlich alles, was irgendwie „jüdische Wirtschaftsgesinnung" oder „Geist des jüdischen Wirtschaftssubjekts" involvieren könnte. Ihm ist darum zu tun, alles natürlich und begreiflich zu machen, alle bedenklichen Tatsachen auf das harmloseste zu deuten und die Juden im allgemeinen als- Spielbäile und personifizierte Steuerschrauben der mittelalterlichen Großen erscheinen zu lassen. Es mutet fast grotesk an, wie nach langer und eingehender Schilderung der Formen jüdischer Geldleihe in einem Territorium plötzlich und lakonisch der Niedermetzlung oder Verbrennung sämtlicher Juden dortselbst gedacht wird. Man fragt erstaunt, woher der Heroismus und das Martyrium dieser braven Bürgersleute. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, daß die Schwierigkeiten einer objektiven und wissenschaftlich zulänglichen Darstellung der frühmittelalterlichen jüdischen Wirtschaft fast unüberwindlich sind. Es scheint nur allzu begreiflich, daß jeder, der dokumentarisches Material über die Juden dieser Zeit findet, es auswertet und leicht überwertet, so die Gefahr des Phantasierens vermeidend, um dafür sicher der Gefahr einer formalen Rechtsgeschichtsschreibung zu unterliegen. Und es ist mehr als Zufall, daß sich die Darstellung im ersten Bande nur bei der Würdigung des Reiseberichtes Benjamins von Tudela dauernd und lebhaft über dieses Niveau erhebt und daß sie es wahrscheinlich im unvollendeten letzten Teil der spanischen Epoche getan hätte, für die ähnliche literarische Dokumente vorhanden sind. Es ist unmöglich, dem deutschen Handelsgesetzbuch etwasüber den „Geist" oder, um dieses seit der SombarTkritik so verrufene Wort zu vermeiden, über Richtung, Größe und Gliederung des deutschen Wirtschaftslebens zu entnehmen. Die Rsge^en, auf denen die ältere jüdische Wirtschaftsgeschichtsschreibung zum großen Teile ruht, stellen an Lebensgehalt vielleicht auch nicht einmal soviel vor. Jedermann weiß, wie erfrischend und aufklärend für wesenhafte Züge des jüdischen Wirtschaftslebens die Memoiren der Glücket von Hameln sind. Derartiges fehlt für die älteren Perioden, und alles, was, ihm ähnlich, aus Sätzen und Bruchstücken jüdischen Schrifttums zusammengetragen werden könnte, bliebe Bruchstück, ermangelte der Kontinuität und inneren Logik. Das ist ja das Unschätzbare an diesen Memoiren, daß in ihnen mit schlagender Ueberzeugungskraft nachgewiesen wird, wie sehr die jüdische Wirtschaftsgeschichte eine Sippengeschichte, ja sogar eine Familiengeschichte ist. Und wir dürfen'vermuten — viele Andeutungen Caros lassen es immer wieder von neuem zu — daß sie es schonvon sehr früher Zeit an war, und wir alle wissen, daß sie es bis auf den heutigen Tag, trotz aller Zerstörung der Familiarität durch den Kapitalismus geblieben ist Dem spezifisch jüdischen Wirtschaftswesen wird eine jüdische Familiengeschichte zweifellos am ehesten gerecht, und ganz unerläßlich für ein Verständnis jüdischen Wirtschaftens ist natürlich das mit einem etwas unglücklichen Titel als „Wirtschaftsethik" der jüdischen Religion bezeichnete Aggregat aus Ueberlieferung und Gesetz. Der Versuch Max Webers für das antike Judentum bedürfte einer Fortsetzung für das nachantike, für das der entscheidende Zeitpunkt in die dauernde Exterritorlialität der Volksmajorität zu verlegen wäre. Gleichgültig wie man sich zu dem Weberschen Versuch verhalten mag, klar ist, daß eine solche Untersuchung für das talmudische Judentum von allergrößter Tragweite und daß ein Konnex von solcher Dichtigkeit wie hier wohl kaum anderswo zwischen religiöser Satzung und wirtschaftlicher Ratio aufzuzeigen wäre. Daß und wie Eklektik und Deduktion gefährlich ist, haben die kurzen Auszüge im Judenbuch Sombarts bewiesen. Aber zugleich wohl auch die Notwendigkeit objektiver Tatsachenforschung auf diesem Gebiete. Caro hat mit Recht auf die Bedeutung der großen jüdischen Wirtschaftspersönlichkeiten und der besonderen jüdischen Wirtschaftsfunktionen für die Behandlung der jüdischen Wirtschaftsgeschichte hingewiesen. Er hat aber damit auch, vielleicht ohne es zu wollen, den grundsätzlichen Mangel aller wirtschaftshistorischen Betrachtung aufgezeigt. Sie kann — und das im Falle des Judentums besonders kraß — sich immer nur an Spitzen oder an Auswüchse, an Besonderheiten, an Mißbildungen heften. Sie ist unmöglich für alles das, was gleichbleibend, einförmig, alltäglich war. Und es wird niemand einfallen zu leugnen, daß gerade darin Wirtschaft besteht und daß gerade in den Formen dieser Wirtschaft sich das Wesentliche der Sozietät emaniert. Ich habe bereits bei der Besprechung von Marxens „Judenfrage" (Heft7 dieser Zeitschrift) auf die banale Tatsache aufmerksam gemacht, daß die jüdische Besonderheit als jüdischer Typus gilt. Ich finde, daß Caro, der dies in der Einleitung zu seinem Werke audrücklich ablehnt, diesem Fehler notwendigerweise gleichfalls verfällt Und er Ist gewiß unabänderlich für alle