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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 746

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Völkerpsychologie
Date
1920-01-01
Page
746 (sequence 4)
Language
German
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746 Umschau: Wirtschaftsgeschichte sollten; der die tiefe und ausschließlich religiöse Richtung seines Volkes endgültig bestimmte, in der dessen ganze Existenz aufgehen sollte, und auf diese Weise auf Erden eine Ordnung der Dinge schuf, die allein die Entstehung des Reiches der Wahrheit ermöglichte. Ich zweifle nun nicht, Sie werden zugeben, daß, obschon der poetische Gedanke uns Menschen wie Moses und David als überirdische Wesen darstellt und sie mit einem besonderen Lichte umgibt, doch andrerseits auch der gesunde Menschenverstand; bei all seiner Kälte, in ihnen mehr als nur große, außerordentliche Menschen sehen kann, und es wird Ihnen, glaube ich, klar sein, daß diese Menschen im Geistesleben der Welt zweifellos ganz unmittelbare Erscheinungen des sie lenkenden höchsten Gesetzes waren und ihr Auftreten jenen großen Epochen der physischen Weltordnung entspricht, die von Zeit zu Zeit die Natur umwandeln und erneuern." Was letzten Endes das Judentum für Tchaadajew anziehend macht, das ist sein Monismus, die „unermeßliche Idee" der Einheit, die Moses in den menschlichen Geist eingepflanzt hat. Denn die religiös-moralische Einheitsidee erscheint ihm als Prototyp und zugleich Voraussetzung aller Einheit, vor Allem der Einheit des Menschengeschlechts, die ihm als Endideal vorschwebt. Das dem jüdischen Geist immanente Streben nach Einihet, nach Strenge des Denkens — das Andere wie beispielsweise Herder, als nachteiliges Hindernis der Geistesfreiheit bezeichneten — erscheint bei Tschaadajew vielmehr als ein Vorzug, weil es das grundsatzlose und unverantwortliche Schweifen des losgebundenen, sich selbst überlassenen Geistes verhütet, das in Abgrundtiefen führt und selbst bei Geistesstarken zumindest eine „Unsolidität des Denkens" erzeugt. — Die ganze Charakteristik, die das Judentum bei Tschaadajew fand, erschien mir umso beachtenswerter, als es sich um einen originellen, im wahren Sinne ursprünglichen, unabhängigen Denker handelt. Bei seinen bedeutendsten Schüler aber, Wladimir Ssolowjew wird diese Anerkennung des Judentums zu einem echten Philosemitismus. Elias Hurwicz WIRTSCHAFTSGESCHICHTE Das Erscheinen des nachgelassenen zweiten Bandes von Georg Caros „Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden"*) gibt Anlaß, die Stellung nicht nur dieses Forschers allein, sondern die Lage der jüdischen Wirtschaftsgeschichte überhaupt zu betrachten. Vor allem: die Herausgabe des unvollständig gebliebenen Manuskriptes bleibt unter allen Umständen *) Leipzig 1919 bei Gustav Fock. eine Leistung, für die man der Witwe Caros und ihren Helfern zu Dank verpflichtet sein muß. Was ^der erste Band erwarten ließ, hat der zweite gehalten. Er ist streng wissenschaftlich gearbeitet, er bringt ein überreichliches Belegmaterial, er beschäftigt sich stellenweise mit allerkleinsten Detailfrageh, aber — und. dieser Eindruck scheint mir ein überpersönlicher zu sein — er hinterläßt unweigerlich ein Fragen: wie wirtschaften die Juden nun tatsächlich und was war das V/esentliche der jüdischen Sozietät im Inneren und gegen außen? Zwei Betrachtungen hat Caro dem ersten Bande seiner jüdischen Wirtschaftsgeschichte als möglich und zugleich für sie wegweisend vorangestellt: die jüdische Wirtschaftsgeschichte als die Geschichte der großen jüdischen Männer im Wirtschaftsleben *und zweitens die Geschichte der Juden als spezifischen Bestandteils der Volkswirtschaft. So fruchtbar und anerkennenswert diese Richtung der Betrachtung auch sein mag, so offen bleibt doch die Diskussion darüber, was große jüdische Männer und was spezifisch jüdische Volkswirtschaft sei. Dazu gesellt sich eine petitio principii, die für die Art, in der jüdische Wirtschaftsgeschichte von Juden geschrieben wird, charakteristisch und begreiflich ist, die aber, mögen alle Tatsachen auch noch so richtig aufgezählt und gedeutet sein, im unbefangenen Leser niemals die Empfindung verstummen läßt, als wäre hier Apologie getrieben, geradeso, wie die Juden in den wirtschaftsgeschichtlichen Darstellungen nichtjüdischer Autoren immer Aggressionstendenzen zu wittern geneigt sind. Diese Tendenz drückt sich in den nachfolgenden Sätzen der Einleitung zum ersten Bande aus und durchzieht die Gesamtdarstellung: „Aber daß das Bekenntnis zum Judentum mit der Hinneigung zu gewissen Berufsarten identisch gewesen wäre, ist für das spätere Altertum ganz undenkbar." Ebenso ephemer sei eine Bevorzugung des Handels, da die Juden in Deutschland lange Zeit vom Warenhandel ausgeschlossen und auf den Geldhandel beschränkt waren. „Die so häufigen abfälligen Urteile über das wirtschaftliche Gebaren der Juden gehen hauptsächlich . . . auf jene Lehren christlicher Ethik zurück, die . . . das Streben nach ökonomischer Verbesserung als schnöde Gewinnsucht brandmarkt." „Eine ihnen ursprünglich nicht eigentümliche Regsamkeit (!) bewirkte, daß sie oft selbst unter den unn günstigsten Umständen zu materiellem Gedeihen sich emporarbeiteten." Solch apologetische Tendenzen werden durch den besonderen Umstand verstärkt, daß Caro, hierin zweifellos übertreibend, die innere Geschichte des Judentums mit der Geschichte der jüdischen Religion identifiziert und annimmt, daß sie nur durch die Entwicklung jüdischen Schrifttums und jüdischer

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