Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Völkerpsychologie
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 745 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Völkerpsychologie 743 kalität einzig dasteht. Die . Entthronung Homers erscheint noch als eine natürliche Konsequenz des soeben bezüglich der griechischen Kunst Gesagten: „Es wird eine Zeit kommen . . da einige Riesengestalten, die sich bislang im Haufen der historischen Persönlichkeiten verloren, aus der sie umhüllenden Finsternis hervortreten, während andere berühmte Namen, die bisher von der Menschheit allzulange mit absurder und verbrecherischer Verehrung umgeben wurden, für immer in das Meer der Vergessenheit versinken werden. Ein solches Schicksal wird beispielsweise einigen biblischen Personen, die bisher von der menschlichen Vernunft nicht verstanden und falsch eingeschätzt wurden, zuteil werden, ebenso aber auch einigen heidnischen Weisen, deren Ruhm ihre Verdienste übertrifft: beispielsweise Moses und Sokrates, David und Mark Aurel. Dann wird man ein für allemal begreifen, daß Moses den. Menschen den wahren Gott gezeigt, während Sokrates ihnen nur kleinmütigen Zweifel vermacht hat; daß David das vollkommene Muster des erhabensten Heldentums, während Mark Aurel, im Grunde genommen, nur das Beispiel künstlicher Größe und eitler Tugendhaftigkeit darstellt. Endlich wird — soll ich es sagen? — eine gewisse Schande vielleicht den großen Namen Homers bedecken. Piatos Urteil über diesen Verführer der Menschen, das ihm von seinem religiösen Instinkt eingegeben wurde, wird dann nicht mehr als einer seiner utopischen Witze, sondern als eine seiner wunderbaren Antizipationen künftiger Gedanken aufgefaßt werden. Es muß ein Tag kommen, da man jenes verbrecherischen Verführers, der in so furchtbarer Weise die Entartung der menschlichen Natur förderte, nur mit Schamröte gedenken wird; einst müssen die Menschen bitter bereuen, diesem Förderer ihrer niedrigsten Leidenschaften, diesem Manne, der, nim ihnen zu gefallen, die geheiligte Wahrheit der Ueberlieferung besudelte und ihr Herz mit Schmutz erfüllte, so eifrig Weihrauch gestreut zu haben. - All diese Ideen, die bisher kaum das menschliche Denken berührten, oder bestenfalls leblos in der Tiefe einiger unabhängigen Geister schlummerten, -werden fortan für immer ihre Stelle in dem moralischen Gefühl des Menschengeschlechtes als Axiome der gesunden Vernunft einnehmen,"*) Tschaadajew meint, daß an der üblichen Unterschätzung der Träger des jüdischen Geistes, besonders gegenüber den griechischen,- gerade die Apotheose der ersteren Schuld ist: „Der Einfluß, den dieser große Mann (gemeint ist Moses. E. H.) auf das menschliche Geschlecht ausgeübt hat, ist noch bei weitem nicht erkannt und gebührend ge- *) Zweiter „Philosophischer Brief." würdigt. Seine Gestalt blieb zu lange von einem geheimnisvollen Schein umhüllte Weil ungenügend beachtet, ermangelt die Persönlichkeit Moses' jener Kraft der Belehrung, die sich sonst aus der Betrachtung großer historischer Persönlichkeiten ergibt. .Weder der Staatsmann noch der Denker, weder der^ Privatmann noch der Mann der Oeffentlichkeit finden in der Geschichte seines Lebens all die Belehrung, die es enthält. Das ist die Folge der dem historischen Denken von der Religion beigebrachten Gewohnheiten; den biblischen Gestalten ein Übermensch? liches Aussehen verleihend, läßt sie sie anders erscheinen, als sie in Wirklichkeit sind, David ist eine jener historischen Persönlichkeiten, deren Züge uns am besten überliefert sind. Was kann lebendiger, dramatischer und wahrer als seine Geschichte, was charakteristischer als sein Gesicht sein? Die Erzählung seines Lebens, seine erhabenen Lieder, in denen sich die Gegenwart so wunderbar mit der Zukunft verbindet, kennzeichnen so gut das Streben seiner Seele, daß in seiner Persönlichkeit für uns absolut nichts Verborgenes mehr übrig bleibt. Und trotzdem ruft er nur bei tief religiösen Geistern einen ähnlichen Eindruck hervor, wie wir ihn von den Helden Griechenlands und Roms haben. Das kommt wiederum daher, daß alle die großen Männer der Bibel einer besonderen Welt angehören; die Glorie, die auf ihrer Stirn glänzt, versetzt sie unglücklicherweise alle in. eine Sphäre, wohin, der Geist sich nur ungern begibt, eine Sphäre beschwerlicher, unerbittlich Gehorsam ver-. langender Kräfte, eine Sphäre, in der man sich stets einem unbeugsamen Gesetze gegenüber sieht, in der es nur gilt, vor diesem Gesetz sich niederzuwerfen. Und doch, wie die Bewegung der Zeiten verstehen, ohne sie dort zu studieren, wo das sie erzeugende Prinzip sich am deutlichsten offenbart? Indem ich diesen beiden Riesen der heiligen Schrift Sokrates und Mark Aurel gegenüberstelle, möchte ich durch diesen Gegensatz solch ungleicher Beispiele der Größe Sie zwingen, jene beiden Welten, denen sie entnommen sind, besser zu würdigen. Vergleichen Sie, bitte, die Früchte der somatischen Philosophie*) mit der Wirkung der Religion Moses', die Persönlichkeit des römischen Kaisers mit der Persönlichkeit dessen, der, aus einem Hirten König, Dichter und Weiser werdend, in sich das große und geheimnisvolle Ideal des Propheten-Gesetzgebers verkörperte und sich zum Mittelpunkt jener Welt voller Wunder machte, in der sich die Geschicke der Menschheit vollenden *) Von Sokrates sagt er noch, er habe durch den Satz, den er unmittelbar vor dem Tode gesprochen, die „Unsolidität seinei?- Denkens" bekundet,