Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 740

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Ein Brief aus Palästina
Date
1920-01-01
Page
740 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106273--4714-3106344
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

74ö Umschau: Frauenfrage demgegenüber es , keinen „Haben-Posten" gibt? Es ist nur eine Form der Wirtschaftsführung da, welche Hoffnung gibt, welche wert ist, gepflegt zu werden, welche geeignet ist, den Aufbau Palästinas zu fördern, Das ist die Kwuzah, Ich mdchte hier drei Kwuzoth erwähnen. i.Daganjah; in Galll, wundervoll gelegen, wenn auch ziemlich fiebergefährlich. Diese Kwuzah besteht schon lange. Dem -Boden und der gznzen Siedlung sieht man die schon geleistete Arbeit an und er gibt auch schon sehr guten Ertrag, so daß alle Arbeiter gut und sorglos leben können. Hier haben alle, Männer und Frauen, das gleiche Einkommen, Die Ehepaare haben eigene Zimmer, die ledigen Arbeiter wohnen zu 3—-4 Mann im Zimmer, ebenso die Mädchen. Gekocht wird dort durchaus nicht schlecht und als ich dort war, stand eine Frau am Herd, die in wenigen Tagen ihre Niederkunft erwartete. Schwangere Frauen arbeiten im Stall und im Garten. Hier gibt es keinen Geburtenrückgang, denn jedem Kinde, das geboren wird, ist für die Zeit seiner Erwerbsunfähigkeit das Existenzminimum — Pflege, Erziehung, Unterricht — gesichert. Die Kinder wachsen auf Kosten der ganzen Kwuzah auf und nicht auf Kosten ihrer Eltern, Und sie erfreuen sich großer Zärtlichkeit und echter Liebe und sie werden besser und fortschrittlicher erzogen, als Kinder in sogenannten guten Familien, 3. Arbeiter kwuzoth; diese arbeiten nicht für sich, sondern für eine Gesellschaft Sie stehen in Taglohn und leben trotzdem geregelter und sorgloser, als einzelne Familien. Denn es gibt eben nicht auf je zwei oder drei arbeitende Menschen eine wirtschaftende Frau, sondern eine Frau besorgt die Wirtschaft für alle und hier gibt es keine „schlechte Ernährung, Unsauberkeit der Siedlung, unrationelle Verwendung der Mittel" und auch keine „Unzufriedenheit und Freudlosigkeit/' Kwuzoth von der Art dieser beiden gibt es nun schon sehr viele im Lande und dem Uebelstand, daß die Mädchen nicht gut kochen, steuert die trotz der Krise im September eröffnete Kochschule für-Arbeiterinnen in Jaffa. 3. Origineller ist eine Kwuzah, die von amerikanischen Christen (oder christlichen Amerikanern) gegründet ist Ihre Mitglieder gehören den verschiedensten Berufen an und haben verschiedenes Einkommen, leben aber alle gleich in eigenem Hause und haben eigene Garten-, Feld- und Hauswirtschaft* Sie sind verbunden durch das Ideal, das Reich Christi zu verwirklichen und kamen nach Palästina, weil sie sich hier stärker fühlen und die Idee besser verwirklichen können, Ich erwähne diese Kwuzoth aus dem Grunde, weil ich der Ansicht bin, daß ähnliche Gemeinwesen unter der städtischen Bevölkerung zu begründen eine viel edlere, zweckmäßigere und segensreichere Aufgabe einer gut begründeten Frauenorganisation sein müßte als die gebräuchliche. Wenn ich auch zweifle, daß bei uns die Idee eine so starke Liebe erweckt, wie bei jenen Amerikanern, wenn vielleicht zu einer kommunistischen Gemeinsamkeit die einzelnen Familien nicht die Kraft aufbringen werden» so gibt es ja heute schon in Europa eine Menge Erfindungen, welche das „Wirtschaften** abschaffen; oder wenigstens die Möglichkeit geben, daß für 20 Familien nicht 20 Frauen und 20 Dienstmädchen einkaufen gehen, Kinder baden, kochen, räumen, waschen, sondern durch das Einküchenhaus z, B. die Arbeit des Kochens zentralisieren; der Heimhof (Wien XIX) z. B. ist auch eine Einrichtung, welche hier nachzuahmen viel Sinn und Nutzen hätte. Merkwürdig ist doch z. B,, daß die Kochkiste hier fast unbekannt ist und daß man auch keine zu kaufen bekommt. Ferner daß es keine Heime für Lehrer und Lehrerinnen gibt; . daß der Lehrer seinen kleinen Gehalt an Wohnungswucherer abgibt und den Rest an Garküchen, die sich mit etwa 100o/0 Nutzen begnügen; daß es keinfe richtigen Spielwaren und Bilderbücher gibt all das Mängel sind, — denen eine Frauenorganisation durch die richtigen Maßnahmen abhelfen könnte. Es gibt viele Möglichkeiten für eine Frauenorganlsation, aber vor großen Schlagworten, vor allem vor einer Ueberhebung der Europäer über die Palästinenser warneich sehr. Die palästinensische Bevölkerung ist ein im Wachstum und lebendiger Entwicklung befindlicher Körper, der Krisen überdauert, Schwierigkeiten überwunden, Opfer um Opfer gebracht hat und wir, die wir von draußen kommen, haben die Pflicht, erst einmal still zu stehen und zu lauschen. Erst wenn wir das Leben hier in uns aufgenommen haben, können wir eingreifen, Und dann werden wir auch manches verbessern. Nicht, weil wir besser sind, aber well wir noch erfüllt sind von dem Geiste einer alten, reichen Kultur, die zu genießen wir das Glück hatten. Mag meine Antwort auch nicht eben freundlich klingen, so ist sie doch ehrlich gemeint und im Grunde werden viele Frauen Palästinas die gegründete Organisation begrüßen; wenn sie nur die erste Pflicht erfüllt, — nicht abgetragene, fremde Sitten nach Palästina einzuschleppen. Margalit Ob>rnik (Haifa),

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.