Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Ein Brief aus Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 739 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Frauenfragen 739 Frauen sich mit Recht dagegen wehren werden, wenn in Europa eine jüdische Frauen- Welt-Organisation gegründet wird, welche sich die Aufgabe stellt: Erziehung der Frauen in Palästina für das Haus und die Familie. Theoretisch klingt das sehr schön, und wer das palästinensische Leben nur oberflächlich kennt,wird tatsächlich finden,daß das Familienleben in Palästina dem in Europa üblichen ^nachsteht. Daß tatsächlich viel mehr Kinder Trachom und Kopfflechten haben, als in Europa, daß es schwerer ist, auf die Eltern der Schulkinder Einfluß zu nehmen, als drüben usw. Sieht man sich die Sache aber näher an, so handelt es sich meist um Mütter, die vom alten Jischub stammen, ein im allgemeinen sehr unbrauchbares Menschenmaterial. Man wird aber außerdem die Wahr-, nehmung machen, daß eine ganze Anzahl Frauen und Mütter des neuen Jischub ihr Haus nicht so führen, wie es sich ein jüdischer Frauenklub in Europa träumt. Ja, es gibt sogar Frauen, die den Mann und die Kinder für lange oder gänzlich verlassen; entweder, um irgend einen Beruf zu ergreifen, oder um sich dafür vorzubereiten. Und die es nicht tun, sind in der glücklichen Lage, entweder schon einen Beruf zu haben, oder sie sind Angehörige der hier verhältnismäßig kleinen bürgerlichen Klasse, wo der Mann tatsächlich so viel Geld verdient, um sich den Luxus eines Familienlebens gestatten zu können. Ich wiederhole Luxus. Denn — sehen wir uns einmal die gerühmte europäische jüdische Gattin und Mutter an. Sie hat tätsächlich die Kraft, in ihrem Haus und in ihren Kindern aufzugehn. Ist das aber wirklich wertvoll und wichtig? Hat diese Frau sich in Europa tatsächlich so bewährt, daß wir sie nun auch hier wünschen, ja sogar " heranziehn sollen? Ich bezweifle es. Ich sehe, daß diese in sich eingekapselten, von der Umwelt abgeschlossenen Familien die Zellen des Körpers bilden, der gegen die wirkliche soziale Umgestaltung Widerstand leistet. Die gute Hausfrau und Mutter — sie ist die Vorsteherin des Haushaltes, dessen Sklave der Mann ist; für diesen Haushalt, für die wenigen Stunden, welche der Mann zu Hause ist, verkauft er seine Talente, dafür wird er zur Maschine, und nicht selten verkauft er seine Ueberzeugung und sein Gewissen. Fraget die jüdischen Kriegsgewinner Europas, ob sie für sich das Geld brauchen, das sie mit solcher Hast und Gier verdienen, und sie werden euch antworten, daß es für die Frau und für die Kinder ist, denen sie eine sichere Zukunft schaffen wollen. Fraget unsere Gesinnungsgenossen, die früher so begeistert waren und heute flau und entfernt sind, wenn sie nicht zufällig in jüdischen Aemtern sitzen, nach der Ursache ihrer Umwandlung und sie werden lakonisch ihren Ehering zeigen. Ich kenne viele Männer, die im Grunde ihres Herzens gute Sozialisten sind und doch ihre Mitarbeiter ausbeuten, weil es die Tradition verlangt, daß die Frau „versorgt" werde. Alle diese „Rechte" verachtet die geschmähte palästinensische Frau. Sie ist mit dem Bewußtsein herübergekommen, am Aufbau des Landes, am Aufbau eines neuartigen Gemeinwesens teilzunehmen. Neuartig — denn niemand von uns weiß, wie das aussehen wird,- was wir bauen. Aber jeder und jede von uns ist sich dessen bewußt, und jeder und jede hat sich diesen Eid geleistet: hier darf niemand ausgebeutet und unterdrückt werden. Hier muß es Freiheit geben und Gerechtigkeit." Das ist das einzig positive Ziel, dem wir alle, wenn auch auf oft getrennten Wegen zustreben. Und daher, um dieser großen Idee willen, kommt es, daß das Familienleben oft einen „Knacks" bekommt. Denn die Familie als Wirtschaftseinheit ist für das palästinensische Leben unpraktisch und kostspielig. Sehen wir uns einmal die palästinensische Schichtung in Wirklichkeit an. Da ist einmal der Kolonist. Sobald er mit arabischen Hilfskräften arbeitet, weil sie sich ausbeuten lassen, kommt er nicht in Betracht Er ist uns so fern, wie der Bankier oder der Fabrikant in Europa. Als Berufszweig auf der Skala des Einkommens, der nach dem Kolonisten rangiert, ist der Kaufmann zu nennen, der dem europäischen Kaufmann in der Art und Gestaltung der Lebensführung etwa gleichkommt. Dann die Beamtenschaft der Zionist Commission. Soweit ich da einen Einblick habe, sind die Familien sehr gut gestellt, die Kinder sehr gut gepflegt und das Haus gut bewirtschaftet. Ebenso in den Familien der Aerzte der Hadassah; aus dem einfachen Grunde, weil das Einkommen da ist, weil das Heute und das Morgen gesichert sind. Sehr schlecht ist es um die Familien der Lehrer bestellt. Die Gehälter der Lehrer stehen denjenigen der Beamten weit nach und es ist ihnen infolgedessen furchtbar schwer, eine Familie zu erhalten. Ich möchte einmal die Frauen, die den schönen Vorsatz gefaßt haben, die Frau für die Familie zu erziehen, einladen: Kommet erst her, seht einmal bescheiden zu. Wie werdet ihr das Haus führen, mit 15^? Wenn die Wohnung allein 51, kostet, das Minimum an Kost pro Kopf und Tag 10 Piaster, die Wäsche im Monat etwa 1 <L? Wo bleiben dann die Anschaffungen, die Aerzterechnungen (eineVisite 50 Piaster bis 1 £)? Ist es dann ein Wunder, wenn die Frau nicht mehr als 2 Kinder zur Welt bringt, oder wenn sie in ihrer Verzweiflung einen Beruf ergreifen will, oder wenn sie außer Haus arbeiten geht, und sich doch vorkommt, wie ein ewiger Posten auf dem „Soll-Konto" des Mannes,