Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 714 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106269--4682-3106318- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
& J. Agnön't Frauen rissen sie von ihnen fort, zerbrachen ihnen die Fenster und beschmutzten ihre Schaufäden. Und im Badhaus warfen sie ihre Mützen in das heiße Wasser, und auch an ihr kleines Bethaus legten sie nicht nur einmal Hand an. Und wenn die Chassidim Freitag abend standen und sich ein wenig stärkten mit dem Liede: Komme, Geliebter, und ihr Gesicht zur Türe wandten, um zu singen: Komme in Frieden —, dann kamen betrunkene Christen und legten Hand an die Sabbathlichter und verdarben das Licht Gottes, sogar die Kerzen, und sie ließen kein Licht im Bethaus, weder Kerze noch Leuchter noch Lampe. Denn sie waren vom Weine der Widersacher trunken und kamen von Mal zu Mal, um das Licht Israels auszulöschen. Und als die Chassidim zum Stadtherrn schrieen wegen der Christen, da schickte der Stadtherr viele von seinen Knechten, und sie zerstörten nachts das Bethaus. Und als die Chassidim früh morgens aufstanden, siehe, da war das Bethaus zerschmettert, und kein Stein von ihm war auf dem andern, und sie machten sich auf und gingen den ganzen Morgen und nahmen ihre Gebetmäntel und beteten mit trauriger Seele unter der Wölbung des Himmels. Aber obwohl sie mit Leiden beladen waren, ward das Licht ihrer Seelen nicht finster und schaffte wunderbaren Rat und Trost durch die Kraft der Einheit, die zwischen ihnen war, und sie hielten fest aneinander und an Senwil Berisch, den Schächter, dem Rabbi Awigdor sein Amt genommen hatte. Und der Schankwirt, der der Gastgeber des Rabbi Uriel an jenem Sabbath gewesen war, als er aus Schibbusch vertrieben wurde, machte in seinem Hause einen Platz für den Schächter frei. Und alle Leute des Dorfes und der Umgebung brachten ihr Geflügel zu ihm zum Schächten, und viele Male in der Woche fuhr Meschullam Sosche, der Fleischhauer, ins Dorf, manchmal mit einem Kalb, manchmal mit einem Schaf. Aber die Widersacher versammelten sich im Hause des Rabbi Awigdor, um zu beratschlagen, was sie den Leuten der Sekte noch antun könnten, um dem Bösen Einhalt zu tun. 5. Am Scheidewege. Während sie im Hause des Rabbi Awigdor saßen, fuhr Meschullam Sosche, der Fleischhauer zum Dorfe wie gewöhnlich, und ein Kalb war auf seinem Wagen festgebunden. Und er schaute und siehe, ein Mensch lag quer am Scheidewege, mit ausgestreckten Armen und Füßen. Da sprach Meschullam Sosche in seinem Herzen: Es ist nur ein Armer, ich will ihn aufwecken. Und er hatte große Erquickung über den Fund, den Gott, er sei gepriesen, ihm unterwegs bereitet hatte, daß er mit einem Juden sich zutrinken konnte. Und er rief: Wach auf, warum schläfst du, sind denn keine Bänke im Lehrhaus, daß du dich am Scheidewege schlafen gelegt hast? Noch während des Sprechens schwang er seine Peitsche, daß die Luft von dem Knall zitterte.