Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jüdisches und arabisches Selbstbestimmungsrecht
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 676 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Umschau: Jüdische Volkswirtschaft im Osten eine ausschließliche oder auch nur grundlegende Idee des Zusammenlebens der Menschen sein kann, gilt diesim Leben der Völker. Die Freiheit der einzelnen hat ihre Grenze in dem Wohle und der Aufgabe des Ganzen. Selbstbestimmung und Freiheit bedeutet nicht Willkür und Hemmungslosigkeit. Vor die Freiheit und das Recht des Einzelnen geht eine Gefahr für die Gesamtheit oder das Lebensrecht, das Recht eines anderen zu leben. Jeder Einzelne und auch die Gesamtheit besitzt ein Notrecht, dessen Verwirklichung auch auf Kosten der autonomen Freiheit eines anderen gehen kann. Er besitzt dies umsomehr, je weniger die wahre Autonomie des anderen beeinträchtigt wird, je größer die Gefahr, die durch, seine Not der Gesamtheit erwächst, und je höher die Zahl derer, die durch die Ausübung dieses Notrechtes gerettet werden, gegenüber denen ist, die hierdurch einen gewissen Schaden ertragen müssen. Wiederum ist das Schicksal des jüdischen Volkes die klarste und schärfste Illustration für diesen Satz. Die Judenfrage ist eine Gefahr für die ganze Welt; das jüdische Volk lebt heute in der gräßlichsten Not; das arabische Volk aber hat zum weitaus überwiegenden Teile sein Selbstbestimmungsrecht bereits verwirklicht; 600000 armseligen und ausgesogenen Fellachen, die von der jüdischen Kolonisation Palästinas doch auch sehr viel zu gewinnen haben, stehen 15 Millionen heimatloser, verfolgter, körperlich oder seelisch gemarterter Juden gegenüber. Was hat da nun zu gelten: das formale arabische Selbstbestimmungsrecht, das im jüdischen Gemeinwesen selbstverständlich bis zur äußersten Grenze einer noch möglichen Autonomie zu verwirklichen ist, oder das jüdische Notrecht? Dieses benimmt zwar den palästinensischen Arabern die künftige, heute allerdings nicht im Entferntesten ausgenützte Möglichkeit ihrer Stellung als Majoritätsvolk und des Anschlusses an ihren nationalen Staat, macht sie damit von dem politischen Schicksal des jüdischen Volkes, der Weisheit oder Verständnislosigkeit seiner Führer abhängig und gewährt ihnen als ungleiches Aequivalent nur eine materielle und höchstens kulturelle Besserstellung. Durch seine Unterstützung aber wird einem großen leidenden Volke, der Menschheit, der Welt so unendlich viel gegeben (dieser Glaube ist der innerste Kern, das unaufhörlich schlagende Herz unseres Zionismus, das uns allein das mit ihm. verknüpfte Unrecht ertragen läßt), daß vor dem Bild und der Unvergänglichkeit dieses Kommenden die Schatten unseres. Neubeginns und unserer Auferstehung dahinschwinden werden, wie das Unrecht jedes menschlichen Werdens und Wachsens vor Gott. Siegmund Kaznelson JUEDISCHE VOLKSWIRTSCHAFT IM OSTEN Aus dem Wirtschaftsleben der ukrainischen Juden, Die Ukraine, die von etv/a 40 Millionen bewohnt ist, umfaßt die reichsten Gebiete Osteuropas. Der fruchtbare Boden und das Klima begünstigte den Landbau; außer Getreide gedeihen die Zuckerrübe, Tabak, Wein und die verschiedenartigsten Gärtnereierzeugnisse. Während die östlichen Gebiete (Jekaterinoslaw und Charkow) an Steinkohlen und Erzen reich sind, besitzt die Westukraine ergiebige Naphtaquellen. Der Zugang zum Meere schafft günstige Bedingungen für den auswärtigen Handel. Genaue statistische Ziffern über die Zahl der Juden in der Ukraine lassen sich heute unmöglich aufstellen. Die Angaben der letzten Volkszählung in Rußland (1897) sind veraltet und daher für die heutigen Verhältnisse kaum mehr maßgebend. Das Jahrbuch der zionistischen Organisation in Rußland „Kadimah" (1918—19) bringt folgende Ziffern für die einzelnen Provinzen der Großukraine die sich in der Hauptsache auf die Zählung im Jahre 1897 stützen: P ovinz * Anzahl Prozentsatz der der Juden: Gesamtbevölkerung Wolhynien 395-948 - i3°/o Kiew 434-°55 ia"/0 Podolien 370.636 i2(5/o Poltawa 111.151 40/0 Tschernigow 114477 5°o Bessarabien 228.620 i2°/0'f Jekaterinoslaw 101.447 5°/0 Taurien 60.752 40j0 Cherson 341.918 130/0 Charkow 13.664 i<>/0** insgesamt 2.172.668 In der Westukraine gab es im Jahre 1910 658.722 Juden, d. h, i2,3°/0 der Gesamtbevölkerung. In dieser Zusammenstellung ist die Provinz Cholm, die einige Jahre vor dem Kriege aus Gebietsstrecken Russisch- Polens und Wolhyniens gebildet wurde, nicht berücksichtigt. Beachtenswert ist die Dichte der jüdischen Bevölkerung in den einzelnen Gebieten der Ukraine. Wenn wir das Territorium vom Westen nach Osten, beziehungsweise nach Südosten hin verfolgen, so steilen wir die größte Dichte der jüdischen Bevölkerung in der Westukraine und in Wolhynien fest, wo dieselbe 12—130/0 der Gesamtbevölkerung beträgt, in den Provinzen Kiew und Podolien *) Heute eine rumänische Provinz. -*) Die geringe Ziffer erklärt sich dadurch, daß die Provinz Charkow außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons lag.