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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 665

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
665 (sequence 8)
Language
German
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Öer Verstoßene 665 Und um mit Gutem zu endigen, endeten die Herzerfüllten mit einer fröhlichen Melodie. David nahm einen Stock und führte ihn über seinem Arm hin und her, wie es die Spielleute mit ihren Instrumenten machen, und machte seine Stimme ganz so lieblich wie den Ton einer Geige und sang viele süße Melodien. Und Arje-Lew, der Schweiger, schrie vor der Größe der Festesfreude: Mir ist wohl, mir ist gut, weil ich bin ein Jud. Gerschom verließ das Stübel, und etwas wie Lebenssaft ging fließend durch seine Glieder. Die Aprilnächte standen in ihrer vollkommenen Holdheit, und von den Feldern nahe der Stadt stieg der süße Duft auf. Gerschom ging nach Hause und erquickte sich an den Gnaden der Schönheit. Während er noch ging, traf ihn ein Alter von den Leuten des Lehrhauses. Gerschom grüßte ihn in Heiterkeit, aber der Alte hob die Krücke, die er in der Hand hatte, schwang sie gegen Gerschom, als wollte er ihm Furcht machen, und schalt ihn: Taugenichts! Siehe, ich bin um die Siebzig und mein ganzes Leben wohne ich bei der Christenkirche, aber noch niemals bin ich hineingegangen, und du bist ein einziges Mal an jenem Orte vorbeigekommen und hast nicht bestanden in der Versuchung! VI. Kapitel Zwei Welten 1. Das finstere Antlitz. Gleich nach Pessach kehrte Gerschom zum tiefen Lernen zurück, das er wegen des Sijum unterbrochen hatte. Gerschom saß den ganzen Tag über im Lehrhaus und rührte sieb nicht vom Zelte der Thora. Die Magd, die dem Abgesonderten Speise und eine Flasche Warmes brachte, brachte ihm auch einmal arn Tage eine Schüssel Gekochtes. Nachmittags unterbrach er sein Lernen, und wenn sich zehn Leute im Lehrhaus fanden, stand er auf und sagte Kaddisch, und nach dem Abendgebet kehrte er zu seinem Platz und zu seinem Buch zurück. Sein Vater saß in der einen Ecke und lernte für die Ruhe der Seele Edeles einen Abschnitt Mischnajoth, und sein Großvater saß in der anderen Ecke und lernte für die Ruhe ihrer Seele einen Abschnitt Mischnajoth, und er nahm den Gemeindetaliis, faltete ihn zusammen, legte ihn unter seinen Kopf und schlief ein wenig, bis die Gemeinde fortging und er erwachte, sich die Hände wusch und lernte. Und wenn die Weise der Trauer ihn umfing, aß er nicht und trank nicht, sondern er saß ohne jede Bewegung und grübelte über die Eitelkeit der Welt bis zur Erschöpfung der Seele. Und wenn er fühlte, daß seine Augen sich verfinsterten und bald eine Träne kommen würde, dann machte er eine Bewegung, um sie im Auge zurückzuhalten, damit nicht dadurch eine Erleichterung und Beruhigung käme. In solchen Tagen las er nicht, weder

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