Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 645 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Kohn: Briefe an Freunde 645 gebung für die Juden begrüßte, durch welche ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung eingeschränkt werden solle, so bedeutet dies keineswegs, daß eine solche antisemitische Absicht ohne Vorhandensein der jüdischen nationalen Forderungen nicht bestanden hätte und nicht ausgesprochen worden wäre, wie dies auch tatsächlich schon viel früher geschehen ist.. Solange der moderne Antisemitismus besteht, hat er die Wiedereinführung der mittelalterlichen Rechtsbeschränkungen für die Juden propagiert und jede jüdische Lebensäußerung absichtlich mißverstanden und mißbraucht. Weit ernster sind jene Gefahren zu nehmen, die sich als Folgeerscheinungen der den Juden eingeräumten nationalen Rechte mehr entwicklungsmäßig und unwillkürlich ergeben. Ihre Erörterung, die ohne Bezugnahme auf die eigentümlichen Verhältnisse eines Landes nur schwer möglich ist, weshalb die hier mit besonderer Vorsicht und Verantwortung zu behandelnden Verhältnisse in der Tschechoslovakei zu Grunde gelegt werden sollen, bleibt dem nächsten abschließenden Kapitel überlassen. Aus ihr werden sich gewisse Richtlinien ergeben, nach welchen verschiedene Minderheitsrechte im Einzelnen zu fordern oder zu verwerfen sind, und es werden sich die geeignetesten Möglichkeiten feststellen lassen, in welcher Form sie zu fordern sind. HANS KOHN / BRIEFE AN FREUNDE 1. Lieber Hugo! Als Du mich in Irkutsk zur Bahn begleitetest, als wir — die Brücke über die Angara war bereits abgebrochen — die gefährliche Kahnfahrt über den von Eisschollen wimmelnden Fluß hinter uns hatten und ich nach stundenlangem V/arten durch die Bemühungen der tschechischen Bahnhofsmiliz im Wagen saß, der für zwölf Tage meine Heimat werden sollte, versprach ich Dir, aus Europa sobald als möglich zu schreiben. Nun ist jede Verbindung mit Dir unmöglich und so bewahre ich hier meinen Brief für Dich. Ich glaube, daß jedem, der nach Mitteleuropa nach jahrelanger Abwesenheit heimkehrt, die Heimkehr eine bittere Enttäuschung ist. Drüben war man frei, in einem hohen Grade unbedingt und unbeengt und mochten einen noch so hohe Planken von aller Welt scheiden, man hatte „Zeit", „Zeit für sich". Hier ist man in tausend kleine Verpflichtungen aufgeteilt, die einen zur Pflicht nicht gelangen lassen, in tausend Beziehungen eingestellt, die einem die Freiheit rauben, in tausend Gefühlchen zerflossen, die einem den Willen lähmen. Man hat zu nichts Zeit, da hunderterlei sich vordrängt. Drüben baute man kühne Hoffnungen, sah weite Fernen, steilen Aufstieg, man fühlte die Kraft in sich, Jugend und Schwung, und wußte seine Leistung vollwertig, — hier zerbrechen die Hoffnungen an sich plötzlich errichtenden