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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 606

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Die Einigung der palästinensischen Arbeiterschaft
Date
1920-01-01
Page
606 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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6o6 Umschau: Brief aus Italien und erledigte die Fragen mehr durch parlamentarische Taktik als durch sachlicheAntwort. Mehrfach kam es zwischen Achdut haawoda und M. P. S. zu heftigen Auseinandersetzungen, deren Folge die zeitweilige Abstinenz der M. P. S. von der Weida war. Wenn trotz der Ablehnung des Klassenprinzips die M.P. S. durch allerhand Deutungen und Erklärungen sich ein Hinterpförtchen schuf, um doch in die Histadrut zu gehen, so bezeugt dies die Stärke der neuen Organisation. Am 9. Dezember nachts, nachdem noch feierlich die Gründung der Arbeiterbank proklamiert worden war, wurde die Weida geschlossen. Allen Teilnehmern wird es unvergeßlich bleiben, wie nach Schluß der Sitzung sich die Freude über die gelungene Einigung in stürmischen, leidenschaftlichen Tänzen, die fast an religiöse Extase erinnerten, kundgab. Unmittelbar im Anschluß an die Weida fanden Beratungen der Parteien statt. Die Arbeiterparteien stehen vor schweren Entscheidungen. Innerhalb Achdut Haawoda wird die Frage diskutiert, ob sich jetzt, nachdem die Einigung partiell erzielt wurde und die neue Organisation ihr Träger ist, die Achdut Haawoda auflösen solle. Zweifellos werden die „Parteilosen" zum Teile Achdut Haawoda verlassen. Aber ein Teil drängt darauf, daß Achdut Haawoda bestehen bleiben müsse, um für die vollständige Einigung zu kämpfen, ein Teil der Arbeiter (unter Führung Schweigers und unter dem Einfluß des „Misrachverbandes" des Zeire Zion) möchte in Achdut Haawoda den Kristallisationskern einer sozialistischen Einheitspartei sehen. Auch im Hapoel Hazair gährt es. Seit Jahr und Tag hatte im Hapoel Hazair die praktische Tätigkeit alle ideologischen Fragestellungen verdrängt; jetzt ist er eine Ideengruppe geworden und das Verlangen nach einer programmatischen Formulierung des Hapoel - Hazairgedankens und nach einer klaren Fixierung der Stellung zum Sozialismus und zur internationalen Arbeiterbewegung macht sich geltend. Freilich, für allgemein theoretische Diskussionen nach jüdisch-europäischer Art ist in Palästina nicht Raum. Allzusehr macht sich die Realität fühlbar. Nur faßbare, durchführbar-nahe Prinzipien können hier die Arbeit leiten. Darum kann im Grunde der palästinensische Arbeiter so wenig von den phantasiereichen Erörterungen lernen, die in Europa über den sozialistischen Aufbau Palästinas geführt werden. Jerusalem. Hugo Bergmann BRIEF AUS ITALIEN 1. In Italien ist die Judenfrage kein Problem. Die rechtliche und gesellschaftliche Frage ist, man kann behaupten, restlos beigelegt: nicht nur genießen die Juden alle Rechte^ nicht nur läßt man sie an die höchsten Stellen des sozialen und gesellschaftlichen Lebens herankommen — man vergißt auch vollständig, daß sie Juden sind. Das jüdische Element an ihnen wird gar nicht empfunden, und man muß ein Jude sein, der die Erscheinungen bewußt auf ihren jüdischen Charakter untersucht, um in dem warmen Humanitarismus Luigi Luzzattis, oder, in gewissem Sinne, in der leichtfertigen Sinnlichkeit Guidos da Verona, noch mehr in der feinen, merk* würdig mit Sühne- und Sündegedanken verbundenen Dialektik von Claudio Treves *) die jüdischen Elemente wahrzunehmen. Der Italiener merkt sie nicht, und noch weniger sind sie dem „israelitischen" Juden selbst bewußt, der, wenn er mit der Judenfrage in unmittelbare Berührung kommt, nicht über banalste Gemeinplätze herauskommt. Die Judenfrage ist aber kein Problem auch als außeritalienische Judentumsfrage; der Einfluß des Judentums und des jüdischen Geistes in der Weltgeschichte ruft kaum Interesse hervor und wird selten erwähnt und noch seltener untersucht. Für den Historiker steht das Judentum in einer Reihe mit Assyrien undBabylonien. Für den Politiker ist es nur eine Konstellationsfrage, die vom Standpunkte der Interessen, vor allem der italienischen Interessen, zu betrachten sei; und da die italienischen Interessen davon wenig berührt werden, so ist man entweder ganz gleichgültig oder sofort geneigt, in der palästinensischen Frage z. B. ausschließlich ein Spiel des englischen Imperialismus zu sehen. In der modernen Literatur fehlt der jüdische Typus fast vollständig. Für den Religionsphilosophen handelt es sich um Elemente, die längst vom Christentum aufgesogen wurden. Dazu kommt noch die geringe Rolle, die das Judentum im öffentlichen Leben des Landes spielt. Keine Spur von dem Presseeinfluß, den man in Mitteleuropa beobachtet; die Juden nehmen nur einen relativ geringen Anteil an der Politik, sie spielen jedenfalls keine hervorragende Rolle, sind keine leaders und haben, wenn man von Luzzatti und Treves absieht, keine prominenten Figuren hervorgebracht; stärker sind sie in den Reihen der Universitätsgelehrten vertreten und noch stärker selbstverständlich in der Handels- und Finanzwelt, wo sie aber infolge der allgemein-italienischen kommerziellen Veranlagung nicht aus dem Rahmen herausfallen. Aber nirgends kann man wirklich von jüdischer Funktion und jüdischem Einfluß sprechen, sondern höchstens von Funktion und Einfluß der einzelnen Juden, *) Ist es nicht merkwürdig, daß im italienischen Kriegstaumel nur ein Jude den Krieg als eine große unpersönliche universelle Sünde und das Kriegselend und die moralische Kriegsverderbnis als eine gerechte Buße auffaßte?

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