Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Einigung der palästinensischen Arbeiterschaft
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 604 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101172-3106089--4547-3106156- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Umschau: Die Einigung der palästinensischen Arbeiterschaft BERICHTE VON JUDISCHEM LEBEN DIE EINIGUNG DER PALÄSTINENSISCHEN ARBEITERSCHAFT Die jüdische Arbeiterschaft Palästinas ist in einer gemeinsamen Organisation vereinigt. Die Histadrut klalit schel poale erez israel ist auf der Konferenz in Haifa (23.—28.Kislew) begründet worden und alle Arbeiterparteien gehören ihr an. In einer Zeit allgemeiner Zerrissenheit innerhalb unseres Volkes, wo jeder Tag neue Spaltungen der Gruppen und Parteien bringt, ist diese Vereinigung ein wichtiges Ereignis, dessen Folgen für die Entwicklung Palästinas und der jüdischen Arbeiterbewegung und des Zionismus noch gar nicht zu übersehen sind. Zum Verständnis der Parteibildung innerhalb der Arbeiterschaft Palästinas muß man- bis auf das Jahr 1905 zurückgehen. Damals setzte die „zweite Alijah" ein, eine, große Zahl von jungen Elementen kam ins Land, erfüllt von nationalen und sozialen Idealen, die in der Gährung der russischen Revolutionsbewegung entstanden waren. Zwei Gruppen schieden sich von vornherein ab. Die eine war der Hapoel Hazair, dessen Programm war: radikaler Hebraismus, Ersetzung der arabischen Arbeitin den jüdischen Kolonien durch jüdische Arbeit (kibusch haawoda) und eigene Arbeit des Siedlers (awoda azmit). Die andere Gruppe waren die Poale Zion, die aus der sozialistischen Schule des europäischen Marxismus kamen und dessen Ideale — Klassenkampf, Solidarität des internationalen Proletariates — mitbrachten. Zwichen diesen beiden Gruppen fand im Laufe der Jahre eine immer weitergehende Annäherung statt. Das Hebräische wurde den Arbeitern aller Lager der Ausdruck der jüdischen Revolution, wie sie sich in Palästina innerlich vollzog, und die Poale Zion wurden bald nicht minder radikale Hebraisten wie der Hapoel Hazair. Zugleich zeigte es sich, daß die von Europa mitgebrachten Ideologien hier nicht tragfähig waren. Was soll der Klassenkampf in einem Lande, wo die billige arabische Arbeit stets bereit ist, den jüdischen Arbeiter zu verdrängen. Die von den Poale Zion inszenierten Streiks mußten sich fast nur auf Betriebe beschränken, die aus religiösen oder nationalen Gründen arabische Arbeiter nicht beschäftigen konnten. Die vom Hapoel Hazair vertretene Idee, daß der jüdische Arbeiter, um mit dem Araber zu konkurrieren, seine Klassenansprüche reduzieren, ja sie aufopfern müsse, entsprach allein der Wirklichkeit Palästinas und wurde schließlich auch zur Ideologie der Poale Zion. Die Gegensätze hatten sich so verwischt, daß die seit 1911 zwischen den beiden Parteien bestehende, unparteiische Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiter (Histadrut chaklait), unter der Führung von Berl Katznelsohn, nach der Eroberung des Landes durch die Engländer 1918 eine Konferenz einberief, deren Zweck Aufhebung der Parteien (Bitul hamaflegot) und Schaffung einer Einheitspartei aller Arbeiter war. Diese Konferenz fand in Petach Tikwa statt. Sie scheiterte. Der Hapoel Hazair verteidigte seine Sonderstellung, die Poale Zion waren bereit, in die neue Organisation einzutreten und ihre Eigenexistenz aufzugeben, stellten aber die Bedingung, daß die neue Organisation in den Weltverband der Poale Zion eintrete. Da der Hapoel Hazair draußen blieb, wurde diese Bedingung angenommen :'■ die Poale Zion und derjenige Teil der Histadrut chaklait, welcher nicht dem Hapoel Hazair angehörte, traten zur „Achdut Haawoda" (Einigung der Arbeit) zusammen welche dem Poale Zion-Weltverband und der zweiten Internationale beitrat. Die gescheiterten Einigungsbestrebungen führten zu furchtbarer Verbitterung innerhalb der palästinensischen Arbeiterschaft. Die neutrale Histadrut chaklait war zerbrochen, der Hapoel hazair, der nur ein Fünftel der Arbeiterschaft zählte, blieb isoliert. Häßliche Parteikämpfe spielten sich ab, oft genug innerhalb der Vertretungskörper (Waad hasmani usw.), wo auch bürgerliche Parteien saßen. Zur Verbitterung hat nicht wenig das Ausland beigetragen, das im Streite schürte, statt zur Versöhnung zu rufen. Der Bruch führte zu bedenklichen Schwierigkeiten technischer Art. Jede der beiden Parteien, Achdut Haawoda und Hapoel Hazair, errichtete eigene Krankenkassen, eigene Arbeitsvermittlungen, Arbeiterküchen usw. Die ohnehin knappen Mittel der Arbeiter wurden durch Verdoppelung der administrativen Arbeit und durch die Konkurrenz vergeudet. Die Versuche, die beiden Parteien einander anzunähern — der verewigte Trumpeidor bebemühte sich besonders in dieser Richtung — schlugen fehl. Hapoel Hazair wollte nur eine professionelle, nicht eine parteiideologische Einheit zu geben, Achdut Haawoda beharrte auf der Forderung: bitul maflegot. Die Zustände wurden besonders unerträglich, als im Frühsommer dieses Jahres die vom Hapoel Hazair inaugurierte „dritte Alija" einsetzte. Die neuen Einwandrer wurden schon während der Suche nach Arbeit in den Streit der Parteien hineingezogen, sie litten am meisten unter den unerquicklichen Verhältnissen und auf das Drängen ihrer beiden Organisationen — „Hechaluz" und „Haschomer hazair" — wurde die Einigungskonferenz nach Haifa einberufen*. An denWahlen zu dieserKonferenz durften sich nur organisierte Arbeiter beteiligen, dennoch haben 4300 Wähler ihre Stimmzettel