Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Ein Projekt einer Judenkolonisation in Palästina aus dem Jahre 1840
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 597 (sequence 3)
- Language
- German
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Ein Projekt einer Judenkolonisation in Palästina aus dem Jahre 1840 §gj Cremieux' weitsichtigen politischen Blick, ja man könnte selbst sagen, daß er den richtigen Kern des jüdischen Palästina-Problems in außenpolitischer Hinsicht — den wir noch heute vertreten — herausgefühlt hatte. Die Briefe gerieten aber bald in die Hände der Wiener Polizei und lenkten auf sich die Aufmerksamkeit des damaligen Polizeiministers Sedinitzky, der ihnen scheinbar große Bedeutung beimaß. Am 27. Dezember 1840 leitete er „im engsten persönlichen Vertrauen" diese Briefe an den Wiener Polizeidirektor von Amberg und beauftragte ihn, sofort zu untersuchen, „was es mit dem Projekte der beiden Israeliten Benisch und Österreicher, in Palästina eine Judenkolonie zu gründen, eigentlich für eine Bewandtnis habe und welche Einleitungen zur Realisierung dieser Idee etwa bereits getroffen worden sind". Ebenso verlangte er auch, ihm in einem eingehenden Berichte „eine beleuchtende Charakteristik des Benisch und Oesterreicher zu liefern". Die Untersuchungen der Polizei nahmen nicht weniger als 4J/2 Monate in Anspruch. Erst am 8. Mai 1841 legte Amberg dem damals noch allgewaltigen Polizeiminister einen genauen Bericht vor. Wer waren also die Projektmacher Benisch und Oesterreicher? Welchen Rufes erfreuten sie sich innerhalb der Judengasse? Verfügten sie über derartige Verbindungen, die eine Realisieruug ihrer Projekte ermöglichen konnten, und unter welchen Verhältnissen lebten sie sonst? Diese Fragen interessierten die Polizei und sollten ihren Nachforschungen über das Leben und Treiben des Benisch und Oesterreicher als Anhaltspunkte dienen. Aus dem Berichte des Polizeidirektors von Amberg erfahren wir folgende Daten. Abraham Benisch wurde im Jahre 1817 in Drossau, Böhmen, als Sohn wenig bemittelter Eltern geboren und studierte an der Wiener Universität Chirurgie. Hier lebte er ganz zurückgezogen und oblag mit Fleiß und Eifer seinen Studien, er unterhielt auch wenig Bekanntschaften, kränkelte sehr oft, da seine Gesundheit „durch die mit Nachtwachen und sonstiger Anstrengung verbundene Vorbereitung zur Ablegung der strengen Prüfungen" des öfteren zu leiden hatte. Benisch beschäftigte sich auch sehr lebhaft mit dem Talmud und verfügte über ein großes jüdisches Wissen. In der Tat hatte er schon gegen 1836 in Prag Exegese studiert. Hier hatte er sich mit den jungen Moritz Steinschneider und Albert Löwy*) befreundet, die dieldee einer Wiedererrichtung eines jüdischen Gemeinwesens und Wiederherstellung der jüdischen Unabhängigkeit in Palästina propagierten. Um das Jahr 1838 ging er nach Wien, wo er medizinischen Studien oblag. Hier gründete er eine geheime Gesellschaft zwecks Verwirklichung der obenerwähnten Ideen. Im Auftrage dieser Gesellschaft scheint er an Cremieux herangetreten zu sein. Ein ganz anderer Typus war wieder Wilhelm Oesterreicher, der im Jahre 1816 in Krisch, Mähren, als Sohn vermögender Eltern geboren war und ebenfalls Medizin studierte. Im Gegensatze zu seinem Kollegen Benisch führte er ein mehr geselliges Leben und verkehrte in den Kreisen „des distinguierten Teiles der hier domizilierenden Israelitenfamilien". Infolge seiner guten Manieren und seines gewandten Benehmens erschien er der Polizei als der Geeignetere, für seine und Bernsen* Lieblingsidee, die Gründung einer Judenkolonie, Proselyten zu werben. Ueber den Inhalt des Projektes selbst, wie auch die Motive, die dazu geführt hatten, erwähnt der Bericht so gut wie nichts. Beide jungen Leute standen in guten Beziehungen zu Moritz Edersheim, der mit Cremieux befreundet war und mit ihm in regem Briefwechsel stand. Edersheim hatte mit dem Projekte der beiden Studenten nichts Gemeinsames, da „in dessen Denkweise es überhaupt, soweit sie hierorts bekannt, wenig gelegen sein dürfte, sich derlei phantastischen Ideen wie die des Benisch und Oesterreicher hinzugeben". Er hatte lediglich ihre Bekanntschaft mit Cremieux vermittelt. Benisch hatte sich, wie aus seiner von der Polizei ebenfalls konfiszierten Korrespondenz *) Albert Löwy, im Jahre 1816 in Aussee geboren, studierte in Wien und ging dann nach London, wo er eine Reformsynagoge begründete und vom Jahre 1871—1879 als Sekretär der „Anglo-Jewisch Association" fungierte.