Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Entwurf einer Arbeitsgemeinschaft für wissenschaftliche Wirtschaftserziehung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 576 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101172-3106084--4512-3106128- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
576 Jakob Rabinowitz: zu Fall einem jeden zur Verfügung zu stellen, der sich ihrer zu positiver Arbeit bedienen will. Die archivarischen Bedürfnisse weisen darauf hin, sie in engem Zusammenhang mit einer Forschungstätte für allgemeine Jugendkunde und Pädagogik zu bringen, von der" auch außer dem Materiale Anregungen aller Art zu erwarten sind. Das Jüdische Institut für Jugendforschung bietet seiner Anlage nach Raum für die Angliederung des Archives und Möglichkeit für Publikationen. Es wird deshalb den räumlichen Mittelpunkt unserer Arbeit innerhalb des Judentums bilden. JAKOB RABINOWITZ / BIALIK UND DIE MODERNE HEBRÄISCHE DICHTUNG*) i. Fast jede poetische Epoche eines Volkes konzentriert sich in einem Dichter, der all^das zusammenfaßt, was die Poesie bis zu seinem Auftreten hervorgebracht hat, und auch die Keime für ihre weitere Entwicklung enthält. Eine solche zentrale Stellung nimmt beispielsweise in unserer antiken Dichtung, dem Prophetentum, Jesaias ein. Er ist die Seele, das Symbol der ganzen biblischen Dichtung. (Die eigentlichen Fragen der Bibelkritik haben damit nichts zu tun. Bei der Abfassung des Kanons fühlte man instinktiv die Notwendigkeit, einen Propheten in den Mittelpunkt zu stellen, und schmückte Jesaias' Werk mit den erlesensten Reden der Zurechtweisung, der Erhebung und des Trostes, ja man fügte seinen Schriften Abschnitte hinzu, die im Geiste der Spätesten, eines Maleachi und Nehemia, gehalten waren.) Die Zeit der Gebete, der Aggada und der Midraschim ließ abgerundete poetische Schöpfungen nicht reifen; die Aggada als Ganzes übernahm hier die zentrale Rolle. Die Dichtung der arabisch-spanischen Epoche verkörpert sich in Jehuda Halevi. Gewiß steht Ibn Gabirol gedanklich höher als er; Abraham ibn Esra, wenn auch kein wahrer Dichter, übertrifft ihn an Schärfe des Geistes, Moses ibn Esra an Feinheit der Empfindung, an Lebens- und Wirklichkeitssinn, an Anschauung und Farbenreichtum — und doch ist Jehuda Halevi der Mittelpunkt dieser ganzen Poesie. Ist Jeremias in seinem Schmerz nicht größer als Jesaias? Wird nicht Ezechiel durch seine Qualen, seine Mystik und die Phantastik seiner Weissagungen zur wunderbarsten Erscheinung unserer Prophetie? Und doch kann uns dies nicht in der Auffassung beirren, die Synthese dieser Epoche in Jesaias zu erblicken. Und nicht anders ist es heutzutage. Von den zeitgenössischen hebräischen Dichtern hat Tschernichowski eine klarere Anschauung, eine ruhigere, epische Weise, Jakob Kahnan ist gedankenreicher und musikalischer als Bialik, Schnöur überragt ihn an Kraft, Frische und *) Einleitung zu einer größeren Arbeit über den Dichter.