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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 547

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Brief aus London
Date
1920-01-01
Page
547 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Religionswissenschaft 547 esse zu nehmen, man fragt sich, ob Unter« Stützungen in Form von Geld, Kleidung usw. das Elend wirklich lindern können, ob nicht gleichzeitig andere Wege eingeschlagen werden sollten, um helfend einzugreifen. Es ist daher zu begrüßen, daß die Vertreter der altbewährten „Gesellschaft zur Förderung von Handwerk und Ackerbau unter den Juden in Rußland" es für ratsam gefunden haben, nach London zu kommen und eine Propagandaaktion zu eröffnen. Diese Gesellschaft, die unter dem abgekürzten Namen „ORT" bekannt ist, war in den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründet worden, um jüdischen Handwerkern und Ackerbauern an die Hand zu gehen. In den ersten Jahrzehnten trug die Tätigkeit der Gesellschaft einen mehr philanthropischen Charakter, erst zu Beginn unseres Jahrhunderts, als das jüdische öffentliche Leben sich mannigfaltiger zu gestalten begann und Vertreter verschiedener jüdischer Parteien in dem „ORT11 zu Worte kamen, wurden neue Wege angebahnt. Man griff zu mehr rationellen Maßnahmen sozialer Abhilfe, um das Handwerk zu heben; Schulen, Kurse, Muster gärten, Ausstellungen wurden organisiert, pädagogische Hilfsmittel und Werkzeuge geliefert, populäre Schriften publiziert; die Zahl der Mitglieder wuchs und das Budget der Gesellschaft vergrößerte sich von Jahr zu Jahr. Das Kriegselend stellte die Gesellschaft vor harte Aufgaben. Es galt Hunderttausende von Flüchtlingen, die aus der Kriegszone nach dem Innern Rußlands abgeschoben wurden, nicht nur zu ernähren und zu unterstützen, sondern sie auch nützlichen Berufen zuzuführen. In dieser Richtung hat der „ORT" sehr viel geleistet, wie dies aus den Berichten der letzten Jahre zu ersehen ist. Die Revolution, die Entstehung neuer Staaten, die Wirren, die aadurch hervorgerufen waren und noch heute andauern, und schließlich die Pogrome haben die Tätigkeit der Gesellschaft nicht ganz unterbunden. Heute, wo es gilt, unzählige Handwerker¬ und Ackerbauerexistenzen zu retten und Massen Berufsloser einer ersprießlichen Tätigkeit zuzuführen, erscheint die Aufgabe des „ORT" noch grandioser und erfordert werktätige Mitarbeit der breiteren Schichten der Judenheit in Europa und Amerika. Es war daher eine glückliche Idee des Herrn L. M. Bramson, des Vizepräsidenten des „ORT", der sein Leben lang mit der größten Aufopferung und Hingebung für denselben gearbeitet hat, nach London zu kommen und hier eine Ortsgruppe zu bilden, die im Kontakte mit der Zentralorganisation arbeiten soll und Kräfte für Propaganda, Geldmittelaufbringung, technische Aufklärungsaktzonen zu mobilisieren haben wird. Es ist in Aussicht genommen, die öffentliche Meinung in Meetings und durch die Presse für die Bestrebungen des „ORT" zu gewinnen und somit das Werk des Wiederaufbaus der zerrütteten Ökonomik der Juden im Osten zu beginnen. Mark Wischnitzer FORSCHUNG UND ERKENNTNIS Religionswissenschaft 1. Es soll hier nach Art der anderen Rubriken auch eine solche für „Religionswissenschaft" eingeführt und periodisch fortgesetzt werden. Ich stelle mir dies vor als Versuch, eine Orientierung über die religiöse Lage unserer Zeit an Hand ihrer literarischen Äußerungen einem weiteren Leserkreis zu ermöglichen. Eine Orientierung über die religiöse Lage bedeutet aber zugleich eine Orientierung über den Stand der Religionsforschung, ihrer Wege und ihrer Ziele, ihrer Errungenschaften und ihrer Bestrebungen, ihrer Beziehungen zur allgemeinen Geisteswissenschaft und deren einzelnen Disziplinen, kurz eine Orientierung über das Problem der Religion in seiner ganzen Kulturbreite und Tragweite. Trotzdem dürften nicht ausschließlich, ja nicht einmal in erster Linie die literarischen Erzeugnisse unserer Zeit berücksichtigt werden, die die religiöse Frage unmittelbar zu ihrem Gegenstand haben, zu derselben also eine „konstruierende", didaktische oder irgendwie normative Stellung einnehmen. Die religiöse Lage, wie sie wirklich ist, läßt sich weit deutlicher an den Werken verfolgen, die andern, etwa historischen, soziologischen, politischen, pädagogischen, psychologischen Fragen gewidmet sind, die nur notgedrungen sich mit dem Problem der Religion auseinandersetzen und die daher den Stand dieses Problems zwar bloß indirekt, aber um so verläßlicher markieren. Charakteristische Beispiele hierfür wären Freud, Foerster, Max Weben Am deutlichsten jedoch, am unbefangensten kommt die religiöse Situation eines Zeitalters in Kunstwerken zum Ausdruck. In Werken, die auf Belehrung und Verbindlichkeit keinerlei Anspruch erheben, einen Beweis ihrer Behauptungen gar nicht unternehmen, ihnen zu-

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