Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Brief aus London
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 546 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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546 Umschau: Brief aus London sollte und mit den folgenden Worten begann: „Wir üben heute Rache an den Engländern. Sie haben unsere heilige Schrift genommen und sie sich zu eigen gemacht; sie haben sie übersetzt und über die englisch sprechende Welt verbreitet, heute gilt es Rückzahlung zu fordern. Wir wollen ihre Bücher nehmen, die Dramen Shakespeares, die in ihren Augen genau so -kostbar sind, wie die Schrift, und wollen sie in der Schatzkammer unserer heiligen Sprache unterbringen. Ist das nicht süße Rache?" Smolenskys Begeisterung war gerechtfertigt. Salkindsohns Übersetzung des Othello war ein Meisterwerk und nach Abrahams' Ansicht die beste Übersetzung eines Shakespeareschen Dramas überhaupt. Es war das keine Adaptierung, sondern eine dem Geiste und Buchstaben treue Wiedergabe. Die Übersetzung des „König Lear*' von S. L. Gordon verdient ebenfalls Anerkennung. Es ist ein reizvoller Zug in der Gesinnung der hebräischen Übersetzer, daß sie meinten, Shakespeare verdiene wegen der hohen Sittlichkeit seines Werkes in die heilige Sprache übertragen zu werden. Abrahams schloß mit der Hoffnung, Shakespeare werde im Repertoire der Jerusalemer Bühne den vornehmsten Platz einnehmen. Abrahams* Ausführungen fanden lebhafte Anerkennung und regten mehrere Ansprachen an, unter anderen die des neuerdings zum Rektor (Vice-Chancellor) der Universität in Dacca (Indien) ernannten P. J. Hartog, die besondere Erwähnung verdient. Hartog ist ein Mitglied der Londoner Universität und erfreut sich in seiner jüdischen Mitwelt allgemeiner Sympathien. * Ein Ereignis sehr verschiedener Natur war der kürzlich in der Mitte der jüdischen Studentenschaft stattgefundene Vortrag des bekannten antisemitischen Schriftstellers G. K. Chesterton, des Herausgebers der katholischen Wochenschrift „The New Witness". Die jüdische Studentenvereinigung der Londoner Universität machte hiermit den wiederholten Versuch, einen antisemitischen Schriftsteller von Rang von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Das erste Experiment galt nämlich dem nicht minder bekannten katholischen Autor Hillaire Belloc. Chesterton, dessen neulich erschienenes Buch „The New Jerusalem" Aufsehen erregt, sprach über Israel unter den Völkern und bekannte sich als einen überzeugten Zionisten und Verfechter der jüdisch-nationalen Idee. Die Eigenart des Judentums zu pflegen scheint ihm Herzensbedürfnis zu sein und in diesem seinen Wunsche weiß . er sich eins mit der mittelalterlichen Inquisition, die, wie er dem Publikum in großem Ernste auseinandersetzte, niemals die Juden, sondern bloß die in den alten Glauben verfallenden Konvertiten verfolgte. Solche unerwünschte und gefährliche Konvertiten scheinen ihm die heute unter den verschiedenen Völkern lebenden scheinbar assimilierten Juden zu sein. Ihre internationalen Verwandschaftsbeziehungen machten sie staatsgefährlich. Der Staat, der die Juden als Bürger anerkennt, untergrabe oder riskiere seine Existenz: in Momenten nationaler Gefahr. Chestertons paradoxe und voreingenommene Darstellung rief naturgemäß lebhafte Abwehr der jüdischen akademischen Jugend hervor. Es wurde mit Recht darauf hingewiesen, daß die Katholiken in den verschiedenen Ländern durch die internationale Stellung ihrer. Kirche eine ähnliche Lage einnehmen, ein Hinweis, den Chesterton nicht gut abschütteln konnte. Ein anderer Redner hob hervor, daß die im 19. Jahrhundert großgezogene Idee des Nationalstaates auf das Britische Reich kaum passe. Chesterton scheint aber von der Völkeramalgamierung im britischen Imperium nicht gerade erbaut zu sein; er bezeichnete seinen jüdischen Opponenten als Imperialisten, erklärte sich selber als Anhänger eines nationalen Englands und sprach sich mißbilligend über die Annektierung des Transvaals und die irische Politik aus. Die Opponenten Chestertons waren in gewissem Sinne enttäuscht, da sie anstatt des „real Chesterton" einen flauen Gegner vorfanden. Aber diese Stimmung verflog bald, als Chesterton in seinem Schlußwort andere Töne anschlug. Das war keine spielende, ästhetisierende Causerie mehr, sondern eine recht brüske antisemitische Attacke, ein Losschlagen auf den Gegner, der nicht mehr zu Worte kommen konnte. Der „real Chesterton'* verriet sich endlich, der im „New Jerusalem" folgende witzreiche Bemerkung fallen ließ: „Die Kanonisierung einer solchen Menschenmenge (der Kreuzfahrer) dü-fte unmöglich erscheinen und würde sicherlich in der öffentlichen Meinung von heute auf Widerstände stoßen, hauptsächlich weil sie (die ersten Kreuzfahrer) ihr demokratisches Ungestüm durch Morden zahlreicher Wucherer befriedigten, ein Vorgehen, das natürlich die moderne Gesellschaft mit einem Unwillen erfüllt, der an Bestürzung grenzt." * Wir haben hier mehrere Institutionen, die sich mit Geldsammeln zugunsten der von den Pogromen und Kriegsereignissen Geschädigten befassen. Die Tätigkeit dieser Organisationen, mit Ausnahme der Föderation der ukrainischen Juden, hat in letzter Zeit etwas nachgelassen. Die breite Öffentlichkeit scheint an einer rein philanthropischen Aktion nicht genügend Inter-