Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Emigration
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 527 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Kolonisation 527 — fast alle Einwanderungsgesellschaften, die vor dem Kriege dort arbeiteten, ihre Tätigkeit eingestellt. Die Zentralwanderungsstelle muß sich zur ersten Aufgabe setzen die Schaffung solcher Organisationen, und dann erst kann sie deren geregelte Zusammenarbeit leiten.. So wie man an den Wiederaufbau des jüdischen Schulwesens denkt, an die Wiederherstellung des Netzes der zerstörten'Genossenschaften, und vielleicht noch eher muß man an die Wiedererrichtung des Systems von Emigrations- und Informationsbureaus denken und zwar in größerem Maßstabe, die sich vorher in allen Zentren des jüdischen Massenlebens befanden. Vor allem Wiederaufrichtung dessen, was einmal bestand — das ist die brennendste Aufgabe! Die Resolution gibt uns eine ausführliche Aufzählung der Funktionen des Zentralwanderungsamtes; sie lehrt uns sogar die Arbeitsteilung der verschiedenen Abteilungen des künftigen Zentralwanderungsamtes kennen; man muß sagen, sie sind zahlreich genug. An erster Stelle steht eine Sektion zum wissenschaftlichen Studium der jüdischen Emigration. Bei voller Anerkennung der Wichtigkeit solcher Studien, die bis heute leider noch zu wenig entwickelt sind, können wir doch nicht glauben, daß dies die brennendste Frage des Augenblicks sei. Auch hier zeigt sich der „akademische'* Charakter der Resolution. Die Aufgaben dieses Zentralwanderungsamtes umfassen in ihrer Gänze die gesamte Arbeit der Regulierung der Emigration in den Ländern des Auszugs, der Durchreise und der Ankunft, den technischen und sanitären Dienst, Rechtshilfe, Finanzen — sehr wichtig, um den Auswanderern ihre finanziellen Operationen zu erleichtern — und schließlich — der Punkt, bei dem die Resolution mit Recht ausführlich verweilt — uen Informationsdienst, den wichtigsten von allen und den, der ganz ausschließlich der Zentralorganisation zugehört. Aber in alledem trägt die Resolution einen sehr theoretischen Charakter und* enthält wenig praktische und konkrete Vorschläge. Und darin sehen wir ihren empfindlichsten Mangel. Wir erwarteten von-der Karlsbader Konferenz ernste und praktische Arbeit, konkrete Einrichtungen. Sie hätte die Probleme bevorzugen müssen, deren Lösung keinen Aufschub duldet, denn das Leben läßt den jüdischen Auswanderern keine Zeit zu warten. Die Konferenz hat ein Exekutivorgan geschaffen, das beauftragt ist, alle ihre Beschlüsse zu verwirklichen, darunter auch den über die Emigration. Vielleicht wird es ihm gelingen, solche neue Organisationen zu schaffen, deren Notwendigkeit sich unmittelbar aus dem Leben selbst ergibt. Wir werden es an der Arbeit sehen. Die Karlsbader Konferenz hat es jedenfalls nicht getan. Und so hat sie die Hoffnungen aller jener enttäuscht, die für das Problem der jüdischen Auswanderung ein lebhaftes Interesse haben. Vielleicht muß man glauben, daß die Schaffung einer genügend mächtigen Organisation, die zulänglich wäre für die ungehemmte Bewegung der ganzen Geschichte unseres Volkes, für den Massenaufbruch, der bevorsteht, gar nicht das Werk einer Konferenz sein konnte, wie die in Karlsbad war, und daß eine solche Organisation nur durch einen allgemeinen jüdischenEmigrationskongreß geschaffen werden könnte. A. Granowsky KOLONISATION Stellen wir die englische Literatur über die innere Kolonisation der deutschen gegenüber, so fällt uns ein grundsätzlicher Unterschied der beiden auf. Während die Engländer sich hauptsächlich mit der Frage der Rentabilität des Kleinbetriebes beschäftigen, die in England existierenden small-holdings auf ihre wirtschaftliche Seite hin untersuchen, ist das Interesse der deutschen Literatur mehr auf die Gesetzesformen konzentriert, die die weitere Entwicklung der auf dem Kleinbetriebe beruhenden Innenkolonisation zu fördern geeignet sind, vor allem auf die Eigentums- und Besitzformen. Die englische Literatur, soweit sie die Innenkolonisation fördern will, sucht die Existenzmöglichkeit, nicht die Existenzberechtigung des kleinen Betriebes zu beweisen, sucht die Bedingungen und Kolonisationsmethoden festzustellen, unter denen die kleinbäuerliche Wirtschaft sich am besten behaupten kann, während für die deutsche Literatur die Existenzmöglichkeit des Kleinbetriebes an sich ein gelöstes Problem ist und sie nur die bestgeeigneten gesetzgeberischen Voraussetzungen der Innenkolonisation herausfinden will*). Die Erklärung für diese Erscheinung ist leicht zu finden. In Deutschland hat sich der Kleinbetrieb Jahrhunderte hindurch erhalten. In vielen Gebieten, wie im Süden Deutschlands, ist er *) Aus der englischen Literatur seien hier einige Werke genannt: i.Small-Holders what they must do to succeed (Edwin A. Pratt, London 1909, King and son); 2. The Land Problem „HomeCounties" (J. W.Robertson Scott, London 1918); 3. The Practical Side of Small Holdings (James Long M. & P., London 1918). Die deutsche Literatur ist zur Genüge bekannt. Die grundlegenden Werke sind im Handbuch der Staatswissenschaften bei den Artikeln „Innere Kolonisation14, „Rentengut" und „Erbpacht" angeführt