Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Zur Araberfrage in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 514 (sequence 2)
- Language
- German
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514 Bemerkungen: Zur Araberfrage in Palästina ... daß die imperialistische arabische Nationalbewegung bei uns ebensowenig Sympathien finden kann, wie sie das bei der Entente vermochte." (Bei mir finden imperialistische Bestrebungen niemals Sympathie, aber im allgemeinen gingen bisher meine Sympathien mit denen der Ententestaatsmänner diametral auseinander! Ein Zusammenfallen unserer Sympathien würde mich etwas unruhig machen.) — Werden wir, sage ich, solche Sätze wie die eben zitierten schreiben und glauben, dann hat unser Nationalismus seine Probe nicht bestanden, dann ist er sacro egoismo, der sich, wie überall, auch bei uns mit Epitheta wie „heilig" und „Recht" schmückt. Dann werden wir „den Bruderbund zwischen allen Völkern des nahen Orients" nicht erzielen, dann bleibt er wie eine der schönen Verheißungen der kriegführenden Staaten von Völkerfrieden und Weltgerechtigkeit am Ende ihrer Erörterungen über ihre heiligen Rechte. Mir dagegen erscheint der „Bruderbund" aller orientalischen Völker sehr nötig. Nicht nur aus ethischen, sondern aus realpolitischen Gründen. Die Karte Asiens wird in nicht zu ferner Zeit anders aussehen und mir bangt dann für ein Judäa, das sich nur auf englische Bajonette stützt. Wer die Ereignisse in Asien etwas aufmerksam verfolgt, weiß, daß in dem Augenblicke, wo die indisch-nationale Propaganda die indischen Eingeborenentruppen ergreift und diese nicht mehr sich als zuverlässig erweisen, die Unabhängigkeit Mesopotamiens und Ägyptens unabwendbar ist. Das wachsende sozialistische Bewußtsein der europäischen Massen, die Propaganda des Bolschewismus, die nirgendwo so erfolgreich und lebendig ist wie in Asien, das immer heftigere revolutionäre Nationalgefühl der orientalischen Völker drohen mit einem jähen Ende der Kolonialreiche, wenn dies auch noch nicht für die nächsten Jahre eintreffen mag. Demgegenüber bin ich vollständig überzeugt, daß eine ruhig-vernünftige zlionistische Politik und ein verändertes psychologisches Verhalten unserer Palästinenser (auch der Arbeiter, die oft auch nicht das „Herrengefühl" den Arabern gegenüber verlieren) ein freundschaftliches Verhältnis in Palästina herbeiführen kann. Ein sehr wichtiger Schritt dazu ist die Aufklärung der arabischen Massen und das gemeinsame Vorgehen der jüdischen und arabischen Arbeiter, wie es hoffentlich der Poale-Zion in Angriff nehmen wird. Mit dem Steigen des sozialen Bewußtseins und der ökonomischen Ansprüche des arabischen Proletariats wird wohl der Hauptgegensatz zwischen den beiden Arbeitergruppen schwinden. Wenn unsere Arbeiterparteien hier das realpolitisch vortreffliche Programm Castels in bezug auf die Fellachen (kulturelle Arbeit, soziale und ökonomische Unterweisung, Schulen, Krankenhäuser usw.) befolgen würden, würden sie der Ermöglichung eines jüdischen Palästinas die größten Dienste leisten. Aber wovor ich noch einmal dringend warnen möchte (nicht unsere Massen, die von Natur aus chauvinistisch sind, nicht unsere „Führer", die in das Wesen des heutigen Staates und der Machtordnung der Gesellschaft zu tief verstrickt sind, sondern unsere Intellektuellen, die für die geistige Physiognomie unseres Nationalismus verantwortlich sind), das ist das „Herrengefühl", der „heilige Eigentumsrechts"dünkel, der so viele von uns beherrscht mit Bezug auf ein Land, in dem kaum ein Sechstel der Bevölkerung unserem Volke angehört. Zum Schluß will ich nur noch erwähnen, daß mir beim Lesen von Castels Satz: „die Durchsetzung des Geistes der Kultur mit militärischen Machtmitteln und dem Bajonett" gegraut hat. Es mag sein, daß zur Verteidigung des Lebens Waffengewalt notwendig ist (obwohl ein guter, menschenfreundlicher Arzt, der die Landessitten und die arabische Sprache kennt, hier mehr nützen dürfte als Bajonette), aber man spreche dann nicht vom „Geiste der Kultur". Man vermische die naturtriebhafte Notwendigkeit der Selbsterhaltung nicht mit dem Geist und seinen Werken. Machen wir uns unsere Aufgabe nicht durch Übertragung veralteter und als unsittlich erkannter Schemen vergangener und vergehender Nationalpolitik sittlich zu leicht! Es könnte sich dabei praktisch eines späteren Tages ergeben, daß wir sie uns zu schwer gemacht haben. Hans Kohn