Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Zur Araberfrage in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 513 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Zur Araberfrage in Palästina Die Bemerkungen A. H. Castels über „Die Araber in Palästina" im Oktoberhefte des , Juden*' nötigen mich zu einer prinzipiellen Entgegnung. Die einzelnen Urteile Castels über die panarabische Bewegung und über die Stellungnahme der verschiedenen Schichten der arabo-palästinensischen Bevölkerung zu ihr sind sicherlich richtig und von hoher Sachkenntnis getragen. Sie mögen für die praktisch-politische Tätigkeit unserer Führer von entscheidender Bedeutung sein. Völlig anders aber stellt sich die Frage, sobald Castel über die geschichtlich-zeitlich bedingten Erscheinungsformen dieses arabischen Nationalismus hinausgeht und in Ausdrücken wie „wahres Nationalgefühl", „natürliche und berechtigte Grenzen" vom Standpunkt des jüdischen Nationalismus die Frage prinzipiell und ethisch aufrollt. Es klingt durch seine Worte die Behauptung, daß die Araber kein Recht auf Palästina hätten, sondern nur wir. Wenn man überhaupt daran festhält, daß einem Volke ein Land als Eigentum gehören könne (und mir erscheint die Heiligkeit des Eigentumbegriffes in dieser Beziehung wie der daraus fließenden „heiligen Güter" ebenso zweifelhaft wie die Heiligkeit des Eigentumsbegriffes überhaupt), so kann ich in der „Freiheit aller Länder vom Taurus bis zum Indischen Ozean und ihrer Zusammenfassung zu einem selbständigen Föderativstaat, der von jeder europäischen Regierung unabhängig ist," sofern diese Länder von überwiegend arabischer Bevölkerung bewohnt sind, keine „imperialistische", sondern nur eine nationale Politik sehen. Ob sie unter den jetzigen Machtverhältnissen und bei der Kulturstufe des arabischen Volkes (man vergesse aber nicht, daß man den Ostjuden jahrzehntelang wegen ihrer niedrigen Kulturstufe die Gleichberechtigung versagt hat!) politisch klug ist, ist eine andere Frage, aber daß Palästina, ein Land mit heute weitaus überwiegender arabischer Bevölkerung, in diesen Föderativstaat berechtigterweise hineingezogen werden kann, sollte jemand, der auf nationalem Boden steht, nie leugnen. Gegen einen Satz wie „wenn erst die Forderungen der arabischen Nationalisten sich auf ihre natürlichen und berechtigten Grenzen, das Gebiet von Syrien allein, beschränken werden," muß, da Castel offenbar Palästina nicht zu Syrien rechnet, unser Rechtsgefühl protestieren. Wehe uns, wenn uns unser Nationalismus so weit verblendet hat! Palästina ist heute natürlicher- und berechtigterweise arabisches Land; es ist die Tragik unserer Geschichte, aber nicht erst von heute, daß sie gegen die Logik von Natur und Berechtigung geht Ich überschätze das arabische Problem in Palästina praktisch nicht. Ich bin überzeugt, daß eine weise und vorsichtige, von der richtigen Erkenntnis, daß Palästina heute arabisches Land ist (selbst ein Machtspruch der Entente kann das ebensowenig ändern als alles andere, was er zu ändern versuchte!) geleitete Führung auf friedlichem Wege die Bahn ebnen kann, um Palästina ohne Beeinträchtigung arabischen Lebens zum Lande jüdischer Arbeit zu machen. Die staatsmännische Weisheit Sir Herbert Samuels scheint diese Aufgabe viel glücklicher zu lösen, als es unseren jungen oder alten Heißspornen mit ihrem Waffenrasseln gelungen wäre. Aber ich unterschätze das arabische Problem in Palästina ethisch nicht. Ich sehe in ihm einen Prüfstein unseres Nationalismus. Werden wir solche Sätze schreiben und glauben, wie sie Castel (nicht im „Zionist Bulletin", sondern im „Juden") schreibt: „Es ist klar, daß die arabische Bewegung in ihren natürlichen und berechtigst en Grenzen (! die wir setzen!) unsere Achtung und Sympathie verdient. So, wie wir die Wiederbelebung unseres Volkes auf seinem Boden (auf dem derzeit nicht es, sondern die Araber wohnen!) und die der Armenier in ihrem Lande (in dem sie auch jetzt wohnen!) wünschen... Die nationalen Rechte der Araber in Syrien, Mesopotamien usw. (gehört dazu Palästina?) sind ebenso gerecht und heilig wie die Rechte unseres Volkes auf Palästina. Klar aber ist auch,