Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Jüdische Friedhofskunst
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 494 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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494 Erich Toeplitz: Daß diese Vermutung leider zutrifft, wird jeder nach einem Gang über die jüdischen Friedhöfe zugeben müssen. Da für diese alljährlich bedeutende Summen verausgabt werden, erscheint eis (besonders unter Berücksichtigung der augenblicklichen pekuniären Verhältnisse in Deutschland) erwünscht, dafür Sorge zu tragen, daß für die aufgewendeten Gelder auch etwas Tüchtiges geschaffen wird. Nun herrscht über die Aufgaben der jüdischen Friedhofskunst völlige Unklarheit, auch ist nicht jeder Jude und'hicht jeder Künstler oder Kunstkenner — selbst wenn er Jude ist — durch seine Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft allein schon imstande, in diesen Fragen ein gültiges Urteil abzugeben. Vielmehr gehören dazu umfassende, jedoch sehr schwer zu erwerbende Kenntnisse der Kunstleistungen und -anschauungen der Juden, die bisher im Vergleich zu anderen Gebieten der Kunst noch viel zu wenig beachtet wurden. Der schaffende Künstler — sei er Jude oder nicht — ist meist in der größten Verlegenheit, wenn er ein jüdisches Grabmal entwerfen soll, da Rabbiner, Gemeindevorstände oder die Angehörigen des Verstorbenen fast nie etwas von den allgemeinen und den speziell-jüdischen künstlerischen Fragen verstehen, und eine andere Möglichkeit sich zu unterrichten bis jetzt nicht besteht. Deshalb ist es notwendig, die künstlerische und die jüdischeigenartige Ausgestaltung der jüdischen Friedhöfe einmal eingehend zu betrachten; hoffentlich laufen dann bei den vielen beabsichtigten Neuanlagen von Kriegerehrenfriedhöfen und anderen Begräbnisstätten der jüdischen Gemeinden, für die meist öffentliche Wettbewerbe ausgeschrieben sind, bessere Entwürfe ein und werden erfreulichere Lösungen zur Ausführung bestimmt, wie bisher. Zur künstlerischen Wertung der modernen, jüdischen Friedhofskunst wollen wir diese mit den vergangenen Zeiten vergleichen. Abgesehen von dem malerischen Gesamtbilde, das die Natur immer herrlicher gestaltet, wenn es ihr allzu eifrige Gärtner nicht unmöglich machen, fällt jedem Besucher alter Judenfriedhöfe zuerst ihre bescheidene Einfachheit auf. Bescheiden sind die Abmessungen der Steine, auch dort, wo keine eifersüchtige Behörde darüber wachte, bescheiden das Material, obgleich viele der vorangegangenen Generationen sich ebenso gut hätten leisten können, teure Monumente zu bestellen. Was im Leben nicht zu erreichen wäre, im ,,Guten Ort"*) ist es Wirklichkeit geworden: „Gleichheit*1. Kein Gitter trennt die Toten voneinander und verwehrt den Anblick der Grabhügel, die wir heute meist durch schwarze oder verrostete Gitterstäbe in schmale Längsstreifen zerlegt wahrnehmen. Die Einheitlichkeit des Gesamteindruckes von früher ist jetzt vernichtet! Beschauen wir uns nun die Steine näher, so fällt uns die tüchtige Steinmetzarbeit auf, die besonders bei der Schrift zum Ausdruck kommt. Es braucht der häßlichen, kalten Goldbuchstaben so wenig, wie der harten Granite, die sich mit ihrer glänzenden Schwärze gar nicht so vorteilhaft auf dem Leichenfelde ausnehmen, wie in den gedruckten Fabrikkatalogen und anderen Anpreisungen der Händler. Fort mit der Ware aus dem jü-