Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 440

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris
Date
1920-01-01
Page
440 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105907--4339-3105951
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

440 Leon Reich: genug, um der voranstürmenden Ereignisse Herr zu werden und sie nach den Bedürfnissen des jüdischen Volkes zu schmieden. Es kann also ruhig behauptet werden, daß die Delegation, ebensogut wie sie — dank den günstigen Umständen — für ihre Tätigkeit ersprießlichen Boden vorfand, unter etwas geänderten Verhältnissen gar nicht zum Vorschein hätte kommen können. Schon im Monat Dezember 1918 war in den jüdischen Zeitungen, insbesondere in der jüdischen Nationalpresse, zu lesen, daß aus den Ländern des Ostens, oder wie der, technische Ausdruck lautet: aus den Ländern, wo , Juden in Massen wohnen", Nationalräte, die teilweise bereits organisiert, teilweise noch zu organisieren waren, zu einer gemeinsamen Tagung zwecks Präzisierung der „Friedensforderungen" des jüdischen Volkes in der Diaspora zusammentreten werden. Die Notizen mehrten sich und nahmen immer konkretere Formen an. Das zionistische Bureau in Kopenhagen drängte auf Beschleunigung der Wahl der Delegierten, das Kopenhagener Bulletin verlautbarte deren Namen. Der Termin wurde — wenngleich in nicht ganz präziser Form — festgesetzt; als Ort wurde die Schweiz bestimmt, allerdings hieß es da einmal Zürich, ein anderes Mal Basel. Von der Schweiz aus sollten erst kleine Delegationen nach Paris entsendet werden. Nun machten sich Vertreter vieler Nationalräte auf den Weg, fanden aber weder in Zürich, noch in Basel irgendwelche Vorbereitungen zu einer Konferenz vor, außer dem Sekretär des Berliner zionistischen Zentralbureaus. Von Zürich gingen dann die meisten nach Bern, angeblich, weil dort der Sitz diplomatischer Staatsvertretungen und das geeignete politische Zentrum ist, um „Politik" zu machen und zu „diplomatisieren". So versuchte man sich selbst zu betäuben und bildete sich ein, einer großen Sache zu nützen, während man nutzlos im Nebel theoretischer Diskussionen von Tag zu Tag dahinlebte und im Abwarten einer Entscheidung „von oben" in einer Atmosphäre von Hangen und Bangen die kostbare Zeit vergeudete. Des Wartens müde machten sich endlich die einen auf den Keimweg, die anderen hingegen suchten Mittel, um nach Paris zu gehen, in der Hoffnung, hier doch ihren Tatendrang zur Geltung zu bringen. Manche wieder, die nach der Weltmetropole sich sehnten, das Visum aber nicht erlangen konnten, verblieben in der Schweiz, von wo es den wenigen nach Wochen, ja sogar Monaten, — wie den Delegierten aus der Bukowina — doch glückte, sich durch das Dickicht-der Paßschwierigkeiten durchzuschlagen. Mehreren jedoch, u. a. auch dem Wiener Oberrabbiner Professor Chajes, blieb nichts anderes übrig, als nach Wochen die Rückreise anzutreten. Ich selbst gehörte zu den Glücklichen, die als „polnische Staatsangehörige" mit Leichtigkeit die „ville-lumiere" erreichen durften. Nach genauem Herumsuchen und Herumfragen mußte ich leider hier feststellen, daß es niemanden gab, der sich zur Vaterschaft des Konferenzgedankens bekennen wollte; ebenso wußte kein Mensch, wer die bezüglichen Notizen veranlaßt hätte und wie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.