Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Ein neues Besiedlungsschema für Palästina
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 346 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105809--0499-3105893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DATEN UND MATERIALIEN Ein neues Besiedlungsschema für Palästina Zu dem Aufsatz von Prof. Ballod, den Davis Trietsch in diesem Hefte bespricht, erhalten wir von J. Oettinger im Haag die nachstehenden, ergänzenden und berichtigenden Ausführungen. Der Ballodsche Aufsatz in der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung*1 ist sicherlich ein bedeutendes Ereignis. Die weiten Ausblicke, die gründliche wissenschaftliche Art, den umfangreichen Stoff zu behandeln, die ins Detail gehende Bewertung technischer, wirtschaftlicher und finanzieller Faktoren machen diese Abhandlung zu einer der hervorragendsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Literatur über Palästina und dessen Besiedlung. Außerordentlich hoch ist der Wert der Ballodschen Meinungsäußerungen und der von ihm, dem rühmlichst bekannten Statistiker, durchgeführten Berechnungen in bezug auf die mögliche Produktivität und Aufnahmefähigkeit Palästinas. Ich halte es daher, in Gemäßheit mit dem hohen Werte dieser Ausführungen, für angebracht, ihren Gedankengang näher zu verfolgen und dabei einzelne, besonders beachtenswerte Punkte hervorzuheben. Ich werde auch versuchen, gewisse Unterlagen, die von Ballod für seine Erwägungen und Aufstellungen benutzt sind, anderen Angaben gegenüberzustellen. Wenn dabei einiges zu Korrekturen Veranlassung geben mag, so wird doch der grundlegende Gedanke Ballods, daß Palästina viele Millionen Menschen aufnehmen und ernähren kann, hier keinesfalls angetastet werden. Es erweisen sich bei näherer Prüfung einige seiner Zahlen und Anhaltspunkte als unterschätzt. Andere seiner Daten halte ich für zu hoch gegriffen. Die Abweichungen sind aber meistens solcher Art, daß sie in dem gesamten Bilde keine wesentlichen Störungen verursachen. Den allgemeinen einführenden Gesichtspunkten, die durch statistische Daten belegt sind, folgt in der weiteren Darlegung die Präzisierung des eigentlichen Themas des Aufsatzes, das in der Frage gipfelt: Kann in Palästina eine Bevölkerung von 5 bis 6 Millionen Seelen untergebracht werden? Die Polemik zwischen den Frofessoren A. Philippson und 0. Warburg über die Frage der Aufnahmefähigkeit Palästinas veranlaßt nun zunächst Prof. Ballod, die natürlichen Bedingungen und den landwirtschaftlichen Wert Palästinas einer Prüfung zu unterwerfen. Er meint, die Ursache der verschiedenen Bewertung des Landes liege darin, daß in bezug auf Palästina zwei wichtige Dinge fehlen: erstens ein Kataster, zweitens eine Statistik der Anbauflächen. Ja gewiß, es fehlen uns, um einmal endgültig dem Streite über die landwirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas ein Ende zu machen, noch viele Unterlagen. So besitzen wir keine genügenden Vorstudien in bezug auf das Problem der Bewässerung in Palästina, der Trockenlegung mancher sumpfigen Gegenden, der Verwendbarkeit der Gebirge und Dünen für Kulturen usw. usw. Es fehlt uns auch, unter anderem, eine detaillierte agronomisch-geologische Aufnahme. Wir müssen uns noch immer bloß mit Liegenschaftskarten und mit allgemeinen geologischen Charakteristiken begnügen, die, wie im Falle Philippson, zu Schlüssen führen, die erst auf dem Wege genauer Ermittlungen aus der lokalen Erfahrung und aus den Gebieten verschiedenartiger wissenschaftlicher Forschungen widerlegt werden müssen. Ballod beginnt seine kurze Charakteristik der natürlichen Bedingungen des Landes mit einem Hinweis auf seine günstigen meteorologischen Verhältnisse .Dieatmosphärischen Niederschläge (400— 700mm Regenfall im jährlichen Durchschnitt) stehen bekanntlich hinter denen mittel- und südeuropäischer fruchtbarer Länder nicht zurück. Dazu kommt der spezielle Vorzug, daß die gesamten Niederschläge in Palästina in die Winterzeit fallen und dort den landwirtschaftlichen Kulturen in dieser Jahreszeit zugute kommen, während dies bei den klimatischen Verhältnissen Europas nicht der Fall sein könnte. Daß diese Eigentümlichkeit des palästinensischen Klimas infolge der in den letzten Jahrzehnten ausgearbeiteten Methoden der Bodenbearbeitung, oie die Aufbewahrung des Feuchtigkeitsgehaltes tn der oberen Schichte des Bodens und das Aufsteigen der Feuchtigkeit aus den unteren Schichten fördern (Dryfarming u. dgl.), für die Erhöhung