Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jude als Schimpfwort
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 344 (sequence 3)
- Language
- German
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344 Bemerkungen rend er ihn ihr zu Willen bloß als Mode angenommen hat und nun ablegt, weil er ohne das widerliche Gewand bestehen kann. Man kann ihn nicht mehr tätlich, nur mehr wörtlich verunglimpfen. Mit all dem will ich keineswegs den Juden von seiner eigenen Verantwortlichkeit befreien oder ihn als im Durchschnitt besser darstellen als die anderen Menschen. Zwar der Wille zur Menschlichkeit ist bei einer erstaunlichen Anzahl von Juden wachgeworden. Aber dies ist nicht am wenigsten aus Reaktion gegen jene noch immer auffallend große Zahl von Juden, die nach dem Wunsche der Majorität gestaltet und wirksam sind: Börsianer, Großkapitalisten, Wucherer, Preistreiber usw. Allerdings gibt es unter der Majorität die entsprechende Zahl der gleichen Kategorie. Doch sie gehören eben zur christlichen und nationalen Majorität, die mit Fingern auf andere, auf die man aber nicht mit Fingern weist. Auch sind ihre Namen nicht so auffallend wie die der Minorität. Und daß diese auffallend sind, oft lächerlich, mitunter gar schimpflich erscheinen, ist ja auch die Folge eines schlauen, auf den Schimpf berechneten Vorgehens der Majorität aus der Zeit, da die Juden sich gemeinverständliche Namen zulegen durften, richtiger, da man ihnen meist gewisse Namen aufdrängte. Im übrigen hat es die Majorität ja auch vermocht, nicht nur den Volksnamen „Jude", sondern auch seine Geschlechts¬ oder Stammnamen wie Kohn und Lewi mit dem entsprechenden Odium zu umgeben. Die Lebensfähigkeit des Juden hat ihn befähigt, im Gegensatz zu manchen andern schwachen Völkern, sich, wenn auch unter Schimpf und Schande durchzubringen. Aber er hat auf den Schimpf, der ihm von allen Seiten angetan wird, in eigenartiger und kluger Weise reagiert: durch den Witz. Denn den Mächtigen kann der Schwache nicht durch Grobheiten verringern, wie im umgekehrten Fall, sondern er kann ihm nur beikommen, indem er ihn zum Lächeln bringt und dadurch entwaffnet. Der Witz darf nicht demütigen, aber er kann zuweilen beschämen. — Der Jude ist noch weiter gegangen. Er nimmt dem Stärkeren die Waffen aus der Hand und kehrt sie gegen sich selbst. Dieser Eigenhohn des Juden ist eine seiner bedeutenden Volksschöpfungen. Paul Friedländer Jüdische Volksmelodien Eine Bemerkung im Anschluß an Arno Nadeis feinfühligen Aufsatz über „jüdische Volkslieder" möge ihre ganz eigenartige Melodik charakterisieren. — Ich habe jetzt, seit die galizischen Flüchtlinge nach Prag gekommen sind, oft ostjüdischem Gottesdienst beigewohnt, — dem schlechhin Erhabensten, was mir je in meinem Leben zu fühlen vergönnt war. Namentlich der von Mystik umrauschten „dritten Mahlzeit" (schlosch sude) zu Sabbathausgang, die ich mehrmals bei einem chassidischen Rabbi mitten in seiner Gemeinde einnehmen durfte, kann ich nur mit tiefster Ehrfurcht gedenken. Ununterbrochen erklingen, bald von Einzelnen gesummt, bald vom Chor aufgenommen, aus den dunklen Ecken des ganz unbeleuchteten Vorstadtzimmers hervor und längs der ärmlichwürdevollen Tafel, von tiefen Männerstimmen und im hellsten Kinderdiskant die heiligen begeisterten Melodien ... Plötzlich riß es mich zusammen. In einem Moment war es mir, als hätte ich den lange gesuchten Schlüssel zu etwas scheinbar Fernliegendem, aber doch ebenso tief Jüdischem gefunden: zu der Kunst Gustav Mahlers* Und zwar zu einer ganz ausgeprägten Eigentümlichkeit dieser Kunst, die schon mehrfach bemerkt und auch getadelt worden ist: zu Gustav Mahlers merkwürdig oft verwendeten Marschrhythmen. Man hat die besondere Vorliebe des Komponisten für Marsche, die er nahezu in jeder Symphonie breitausladend auftürmt (z. B. im ersten Satz der L, III. und VI, in den Schlußsätzen der IL, VI., VII. Symphonie, im Lied „Revelge"), verschiedenartig gedeutet. Ein liebevoller Biograph (ich glaube: Specht) führt diese Vorliebe darauf zurück, daß der Knabe Mahler in Leitmeritz neben einer Kaserne aufwuchs, wo sich ihm die Hornsignale und Militärrhythmen unvergeßlich ins Gemüt eingesenkt hätten. Weniger freundliche Beurteiler sprachen einfach von Banalität und Ideenarmut. Und man konnte und kann noch bei jeder Mahler-Aufführung ein paar Liebhaber „vornehmer" Musik, die daher ein andermal auf das viel rohere, aber glatte Formtalent Richard Strauß hineinfielen, die Hände ringen sehen: „0 diese Roheit, dieses ewige Bum-tra-traJ" Noch andere fanden gerade im schrittweisen Viervierteltakt Mahlers das Bemühen, volksliedartig deutsch zu schreiben, also gewollte Assimilation. — NeinI Seit ich chassidische Volkslieder gehört habe, glaube ich, daß Mahler ganz einfach aus demselben unbewußten Urgruno seiner jüdischen Seele so und nicht anders musizieren mußte, aus dem die schönsten chassidischen Lieder, die er wohl niemals gekannt hat, entsprossen sind. Das Seltsame ist nämlich, daß auch diese Lieder einen oft scharf ausgeprägten Marschrhythmus aufweisen, auch dann, wenn