Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jude als Schimpfwort
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 343 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105807--0493-3105890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bemerkungen 343 Haltung einnehmen, so daß das jüdische Kind j ihnen nicht gewachsen ist. — Dieses Erlebnis des jüdischen Kindes ist symbolisch für die Lage des Juden überhaupt. Es liegt darin eine Quelle der Ängstlichkeit, aber auch der Geistigkeit, wie ja beides als für den Juden beinahe typisch gilt. Denn wie könnte sich der Jude — gar als Kind — vor der brutalen Majorität retten! Hat man je ein einzelnes Tier gegen ein stärkeres oder gegen eine Horde von Stärkeren im Angriff losrennen sehen, wenn es nicht wahnsinnig geworden war? Nennt man den Hirsch feige, weil er vor der Hundemeute flieht? Und sind nicht flüchtige Tiere klug und voll Lebenskraft? Warum will man es dem Judentier als Schande anrechnen, wenn es sich vor der christlichen oder germanischen oder slawischen Koppel, die für ihr Machtbewußtsein jagt, zurückzieht? Solch ein gehetztes Wesen erwirbt sich geradezu das Recht, tückisch wie ein Fuchs zu werden. Immerhin ist es so weit gekommen, daß die Majorität die jüdische Minorität sich rechtlich gleichgestellt hat. Diese Großmut, um der Idee der Humanität willen und zum Zweck der Beruhigung des staatlichen Lebens geübt, wurmt doch nachträglich ihren Träger, die Majorität. Denn ihre Machtgefühle lassen sich nicht so wie ihre Machthandlungen durch einen politischen Streich austilgen. Sie erfinden sich darum ein Surrogat. Da sie sich nicht mit der Faust auslassen können, versuchen sie es in Wort und Schrift: durch den Schimpf. Wenn einer ohne Gefahr für seine eigene Person einen andern hinrichten kann, so beschimpft er ihn nicht, er quält höchstens sein Opfer, Wer aber den Schwächeren (das Wort bloß quantitativ genommen) nicht mehr erschlagen und doch über ihn triumphieren will, bahnt sich den folgenden Weg dazu: es gilt, die Minorität zu demütigen. Sie ist der Majorität verhaßt, vor allem weil sie anderswoher gekommen und vielleicht auch anders geartet ist und darum die Majorität in ihrer Vollkommenheit und in ihrem Willen zur Allmacht beeinträchtigt. Wenn sie sich noch dazu — wie die Juden dieselben Rechte erworben hat wie di« Majorität selbst, so erscheint sie von besonderer Kraft. Gilt es nun, sie zur Unwirksamkeit hinabzudrücken, so muß der Haß gegen sie abgeschafft werden. Denn der Gehaßte hat als solcher Ansehen. Um ihn unansehnlich zu machen, ist das einfachste Mittel: den Haß in Verachtung umzuwandeln, also darum den Verhaßten verächtlich zu machen. Und das erreicht man durch den Schimpf. ht ist die billigste Waffe, mit der alle umgehen können, die Klugen und die Dummen, die Braven und die Lumpen. Man braucht bloß den Namen der Minorität in entsprechender Form — also „Jud" anstatt „Jude" — und mit dem gehörigen Tonfall und den geeigneten Gesten auszusprechen, eventuell noch in eine bezeichnende Umgebung von epitheta ornantia zu setzen — und man hat „abreagiert". Daß diese Methode nicht nur mündlich, sondern auch in den meisten Büchern belletristischen und auch wissenschaftlichen Inhalts geübt wird und daß man kaum mehr das Wort Jude ohne den hämischen Beigeschmack finden kann, ist bekannt genug.*) Aber wenn man auch den Juden in dieser Beziehung besonders hergenommen hat, so ist er hier doch keine Ausnahme. Er kann leicht erkennen, daß er dieses sein Schicksal mit manchen andern Minoritäten teilt. Die Geschichte kennt Beispiele genug. Übrigens stellen sich die Majoritäten nicht nur gegenüber dem geschützten Schwächeren in dieser Weise ein, sondern auch gegenüber dem gleichstarken Rivalen, und dies, um ihn schwächer zu glauben. So haben es ja die großen Nationen so weit gebracht, ihre Namen als Sammelnamen verwerflicher Eigenschaften zu stempeln. Anders steht es um die Frage, ob es eine gewisse Berechtigung hat, wenn man glaubt, daß dem Juden bestimmte Makel besonders eigentümlich sind, die dann auf den Gattungsnamen „Juden" abgefärbt haben. Dies ist ein Problem der Charakterologie des Volkes oder der Rasse, welches hier nicht erledigt werden kann. Nur Eines soll hier bemerkt werden, weil es mit der entwickelten Bedeutung des Zweckes, den die Majorität mit der Beschimpfung verfolgt, in engem Zusammenhang steht. Wenn es für eine große Zahl der Juden zutrifft, daß sie feige, wucherisch, tückisch, schmutzig usw. sind, so hat dies die Majorität einerseits indirekt von ihnen erzwungen, da sie sonst der Ausrottung nicht entgangen wären, andrerseits hat sie sie durch Einrichtungen und Gesetze (im Mittelalterl) geradezu dazu gemacht, um sie verächtlich und politisch machtlos zu haben. Die Majorität hat den Juden so gewollt und will ihn im Grunde auch jetzt noch so. Darum will sie auch jetzt nicht sehen, daß er gar nicht mehr so ist. Sie ist konservativer in ihrer Meinung über seinen Charakter, als es sein Charakter selbst ist. Sie hat diesen Charakter seiner Rasse einverleiben wollen, wäh- *) Man hat es sogar von seinem eigentlichen Objekt abgelöst und wendet es als Schimpfwort gegen andere, gegen Tiere und Sachen!