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Der Jude · 1916-08-01 · Heft 5 (August 1916) · p. 341

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 5 (August 1916)
Article
Das doppelte Gesicht
Date
1916-08-01
Page
341 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 341 liehen Bruders glaubt. Aber auch in dem neuen Buch von Gustav Meyrink spricht Schemaja Hillel zu Wassertrum: „Sie kennen doch, Aron, den Satz: Alle Juden sind Bürgen füreinander. Machen Sie es einem nicht zu schwer."--Ich denke: daß im Geist der nichtjüdischen Europäer seit mehr als einem Jahrhundert das jüdische Wesen sich immer wieder so anzeigt, daß es mit dieser doppelten Figur ausgesprochen werden muß, das ist die Andeutung einer Wirklichkeit, der die Juden selber nicht tief genug nachdenken können. Geschichtliches Schicksal, kulturelle Erziehung, wie sie so lang und schwer kein anderer heute lebender Menschenschlag besitzt, hat im Juden die großartigste, die gefährlichste, die bewegendste aller Kräfte: die geistige Energie in seltenstem Grade sublimiert, gleich einem Pulver von höchster Sprengkraft bereitgestellt. Dem Eindruck dieser bedeutsamen irgendwie entscheidenden Natur kann sich niemand entziehen. Mit dieser rein dynamischen Tatsache ist aber in ethischer Beziehung zunächst garnichts entschieden. Man spürt, wo jüdische Kraft eingesetzt wird, wird vieles sich bewegen, — ob zum Bösen oder zum Guten, das ist an sich nicht ausgemacht! Geschichtliche Schicksale, blutmäßige Vererbungen machen überhaupt nie und nirgends etwas Ethisches aus; sie erzeugen indifferente Kräfte, die wie das Dynamit, wie jede Technik so gut furchtbarer Zerstörung wie herrlicher Erbauung dienstbar werden können. So liegen jetzt brüderlich verbunden, dämonisch zueinandergesellt entgegengesetzte Möglichkeiten im jüdischen Geist. Uns ist die Wahl gegeben, ob wir der Notdurft seiner Weltlage oder der geistig schöpferischen Tradition des Judentums die zielsetzenden Motive entnehmen wollen. Sicher ist nur, daß im Juden die Kraft — und die Lust jeder Kraft! — zur äußersten Konsequenz steckt, daß er, in welcher Richtung auch immer, erstaunlich weit gehen wird. Und daß also phantastisch Starkes, daß Vieles, daß Erschreckendes geschehen wird, wenn wir gewählt haben, zum Guten oder zum Bösen, das spüren die Völker, und darum wählen die Dichter so gern eine Jüdische Doppelgestalt, wenn es sie treibt, das allgemeine Menschenschicksal zu symbolisieren und sehr sichtbar zu machen. — Wohin sich die jüdische Kraft wendet, wenn man nach der ungeheuren Katastrophe wieder beginnt an* Menschenschicksal zu bauen, das wird noch für mehr bedeutsam sein als für den Juden selber. T «. 0 . Julius Bab Das Arbeiterproblem Für den Einzelnen vielleicht nicht einmal so sehr wie für ein Volk ist die Liebe zu der ihm zugeteilten Arbeit, unabhängig vom Erfolg, die Grundlage harmonischer Entwicklung und gesunden Wachstums, Das hat Gordon*) ungemein überzeugend und klar bewiesen, und man fühlt mit ihm, daß dies der Mittelpunkt der jüdischen Zukunftsfrage, die Kraftquelle des Ansiedlungswerkes ist. Aber weit mehr noch als jedem andern muß es gerade dem Juden als eine Forderung wider seine Natur erscheinen, wenn er auf den kürzesten Weg zum Erfolg verzichten soll. Hat doch niemand einen so scharfen und sichern Blick für diesen kürzesten Weg wie er! Das jahrtausendelange Training mag hier vielleicht nur einer vorhandenen Anlage zustatten gekommen sein, wie ja auch unter den europäischen Nationen, die sich nach dieser Richtung ziemlich gleichartig hätten entwickeln können, die praktischen Gaben den Engländern und Deutschen z. B, in weit höherem Maß eigen sind als den Romanen und Slawen. Es gibt gewisse Uraniagen eines Volkes, die sich in seinem Schicksal äußern und bewähren und durch eigenen oder fremden Willensakt nicht aus der Welt schaffen oder in ihr Gegenteil verkehren lassen. Warum haben die uns rassenverwandten Karthager nach Zerstörung ihres Reichs, das im Gegensatz zu unsrem Bauernstaat ganz von kaufmännischem Sinn aufgebaut und erfüllt gewesen, sich in der Zerstreuung nicht durch ihre zwangsgeschärfte Überlegenheit im Erwerbsleben als eigene Volksart zwischen den Völkern erhalten? Die restlose Durchdringung und Erfüllung seines Lebens durch eine Idee ist dem Juden ungemein natürlich, ja die natürlichste Art zu leben, aber ebenso ist es ihm selbstverständlich, seine Ideale nach Möglichkeit mit den praktischen Anforderungen des Alltags in Einklang zu bringen. Ja, meinem Gefühl nach muß ein richtiger Jude, durchglüht von seinem großzügigen gemeinnützigen Vorhaben, es geradezu als Versündigung empfinden, wenn er bei der Ausführung ohne zwingende Notwendigkeit etwas wider die praktische Klugheit tut, die rascheste und einfachste Erreichung seines Zwecks verschmäht, z. B. den Boden seiner Väter mit Hilfe der nächst erreichbaren billigsten Arbeitskräfte am ertragreichsten zu bewirtschaften. *) Siehe dessen Aufsatz „Arbeit" im 1. Heft dieser Zeitschrift.

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