Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Das doppelte Gesicht
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 340 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875872-3105805--0486-3105887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BEMERKUNGEN Das doppelte Gesicht Mitten im Kriege hat augenblicklich in Deutschland einen ganz mächtigen Bucherfolg ein Roman von Gustav Meyrink, genannt „Der Golem". Seine Wirkung beruht wohl auf den sehr starken und raffinierten Stofflichkeiten, all den seltsamen phantastisch-wissenschaftlichen Dingen von der Nachtseite der Natur, die Meyrinks exzentrische Begabung heranschleppt, ohne sie eigentlich in einem künstlerischen Ganzen aufzubrauchen. Auch der großartige Versuch, die Golemgestalt als periodisch wiederkehrende Manifestation einer geistigen Krise zu deuten, wird so wenig durchgeführt, wie das ganze Schicksalsbild des mit einigen brennenden Farbflecken angedeuteten Prager Ghettos. Doch ist dies bei allem Talentreichtum höchst problematische Buch für den Juden aus einem anderen Grunde bedeutsam. Soweit sich aus der gewollten Dämmerung dieser ineinandergewirrten Träume und Visionen überhaupt eine Handlung kristallisiert, besteht sie im Gegeneinander zweier stark und offenbar mit typisierender Absicht umrissenen jüdischen Gestalten. Das ist Aron Wassertrum, der Trödler, der wie der Inbegriff aller schmutzigen, mörderischen Gier in seinem Gewölbe hockt, ein steinreicher Mann, der in Lumpen geht und giftige Pfeile aus seiner dunklen Höhle schießt. Und ihm gegenüber steht Schamajah Hillel, der Weise, der Gottesfreund, der völlig Arme, der doch allen mit der Würde des höchsten Adels naht und für die Seelen den Schlüssel der Erkenntnis bereit hält. „Wenn'swahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn anderen zusammen." Dieses Nebeneinanderstellen einer ganz tierisch zerstörenden und einer ganz geistig erbauenden Gestalt aus demselben jüdischen Stoff ist in der Geschichte der europäischen Dichtung nicht neu. Seit mehr als einem Jahrhundert, seitdem die Romantik begonnen hatte, den Juden als historisches und gegenwärtiges Phänomen zu empfinden (das christliche Mittelalter hatte ihn überhaupt nicht, die Renaissance als fremdartige Naturkraft, die Aufklärung als abstrakten Mitmenschen empfunden) — seitdem gibt es dieses merkwürdige Nebeneinander in der europäischen Dichtung. Zuerst wohl bei Achim von Arnim, der bekanntlich ein „Antisemit" war. Aber in seinem großen Spiel „Halle und Jerusalem*4 steht neben dem armseligen Schacherer Nathan, dessen Kinder schon „Wechselchen'* spielen, doch die gewaltige Gestalt des Ahasverus, der die ewige Sehnsucht eines unglücklichen Volkes in die Luft schreit: „Werdet arm, ihr werdet selig!** Diese doppelte Judendarstellung ist dann in der christlichen Dichtung Europas häufig geworden. Was Dichter, die selbst jüdischen Blutes waren, schufen, soll in unserem Zusammenhang nicht in Betracht kommen. Und ebenso kann man der größeren Prägnanz zu Liebe auf die vielen Fälle verzichten, wo in verschiedenen, aber annähernd gleichzeitigen, Werken der Jude bald als Dämon bald als Cherub erscheint. Aber man darf an Gustav Freytags Roman „Soll und Haben** erinnern, der ganz bestimmt nicht zu den bleibenden Werken der Menschheit gehört, unter dessen lebhafter Wirkung aber doch in Deutschland zwei Generationen herangewachsen sind. Hier sind Veitel Itzig, der unbarmherzig gierige Wucherer, und Bernhard Ehrenthal, der selbstlos geistige Gelehrte, als zwei bürgerlich sentimentale und gerade darum so populäre Ausprägungen desselben Doppelgesichts geschaffen worden. So viel großartiger wie der Griff des ganzen Mannes ist dann die gleiche Doppelgestalt bei Zola, der in seinem gewaltigen Börsenroman „L'Argent" dem Makler Busch, dieser gefährlichsten Hyäne des Geldschlachtfeldes, einen schwindsüchtigen Bruder gibt, einen leidenschaftlichen Sozialisten, der sich in phantastischen Arbeiten für das Menschheitsglück auflöst. Das Neue und Starke dieser Wendung ist nicht nur, daß die beiden Gestalten hier Brüder sind, sondern auch, daß der Böse den Guten leidenschaftlich liebt und alles Geld im Grunde nur für ihn zusammenrafft, während ebenso der Geistige unerschütterlich an den Zartsinn und die Güte seines bösweit-