Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Jüdische Volkslieder
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 329 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Volkslieder 329 die Stimme der Wehen, ich höre noch nicht die tolle Freude der Wochenstube, — noch bin ich's, die zehn Söhne hat. — Da aber ist auch schon das Glück, das ungerechte und gerechte, eingezogen, und ist jedem Einzelnen anzusehen, — Hannah hat ein Kindchen, natürlich einen Sohn geboren. Aber das ist erst der Anfang und nur der Anfang der Rache an der stolzen unbarmherzigen Peninah, die mit ihren zehn Söhnen vor aller Welt spazieren konnte, während Hannah in ihrer hohnlachenden Stube sitzen mußte. Nun ist das Zu-Hause-sitzen an ihr, „bis die Unfruchtbare sieben gebiert und die Kinderreiche dahinwelkt." Aus diesem Bibelvers (Samuel I. 2, 5) hat der Midrasch seine Sage gesponnen, — denn diesem Midrasch (Jalkut Schimauni) ist offenbar unsere Legende entlehnt. So hart ist die Welt, sie hält es immer mit dem Glücklichen, weil sie an Gottes Regierung glaubt. Dem geht es schlecht, das wird schon seine Gründe haben, Gott weiß, was er tut. Und so lacht sie jetzt über Peninah: Peninah, Peninah, Hannah hat schon getan ein Kind haben, und du hast schon getan zwei begraben. Jetzt, Peninah, bist du an der Reihe, du wirst alle deine zehn Söhne nacheinander begraben. „Er erhebt aus dem Staube den Armen, aus dem Unrat den Dürftigen, um ihn neben Fürsten zu setzen," so heißt es im an sich wenig frauenhaften Dankgebet der Hannah. (Es ist psalmodisch; wie zufällig nur wird die Glückseligkeit der nunmehr gesegneten Unfruchtbaren erwähnt.) In derselben Proportion läßt die Legende den Stolz der Peninah bestrafen: Hannah gebiert zwei, Peninah verliert vier, Hannah gebiert vier, Peninah verliert acht — nun hat sie nur noch einen einzigen Sohn. Das Lied nämlich in seiner Kunstlogik vergißt im Moment, daß noch zwei Söhne von den zehn übrig bleiben. Da ist denn die letzte Demütigung der Peninah nicht erspart, und sie muß ihr Kind der Hannah anbieten, damit es unter ihrer von Gott nunmehr bewachten Schar aufwachse und sich erhalte. Die Milde der Hannah, die im fehlenden Schlüsse enthalten ist, erfahren wir aus dem Schluß der polnischen Übersetzung, die Binjamin Segel, der Auf Zeichner dieses Liedes, dem Original mitgibt. Er lautet in deutscher Sprache: — Hannah, Hannah, du bist gut und edel, Erlaube meinem einzigen Kinde, daß es zwischen deinen aufwachse. — Peninah, Peninah, ich will dein Kindchen zu mir nehmen, Es möge in Gesundheit aufwachsen und deines bleiben. Segel bemerkt dazu: „Unter jüdischen Frauen findet man die Sitte, daß eine Mutter, bei welcher Kinder sterben, ihr Kind an eine glücklichere Mutter zum Schein verkauft, damit es hinfort keinen Schaden nehme." Die Form des Stückes ist, wie bereits angedeutet, von besonderer Schönheit und Geschlossenheit. Solche zusammengefaßte Strophen wie die mittlere weist das jüdische Volkslied nur sehr selten auf. Ein richtiges dramatisches Fragment bildet das folgende Purim-Spiel. Purim-Spiel. Achaschweresch: Homen, Homen, gai arain zi Waschti man Wab: — Los si arankimen mit ir schainem nacketen Lab, Asoi wi a Wab far a Moen, — Schnelo, gaicho, los si dos toen. Heft 5. 23