Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Einige Worte über Hermann Cohen
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 316 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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R. Seligmann: EINIGE WORTE ÜBER HERMANN COHEN Ob jede Zeit ihren adäquaten Vertreter und jede Gesellschaftsschicht ihren entsprechenden Wortführer hervorbringt, wie es manche Soziologen haben wollen, möchten wir mit Bestimmtheit nicht behaupten; daß aber hin und wieder Persönlichkeiten auftreten, die in den Rahmen ihrer geschichtlichen Periode und ihrer Gesellschaftskategorie genau hineinpassen, als ob sie eigens dazu geschaffen wären — das steht für uns fest. Als eine derartige Persönlichkeit erscheint uns Hermann Cohen. Wir können uns kaum eine andere Persönlichkeit denken, die in diesem Maße über die nötigen Veranlagungen des Geistes verfügt hätte, um den gesellschaftlichen Bestrebungen seiner Zeit und seiner Klasse den passenden philosophischen Ausdruck geben zu können. Wir haben dabei die letzte Periode in der Geschichte der westlichen, speziell der deutschen Judenheit und von dieser die sogenannte bürgerlichliberale Schicht vor Augen. Hermann Cohen kommt für uns in diesem Zusammenhange vornehmlich als der Interpret der westlichen, speziell der deutschen Judenheit, als der philosophische Entschleierer oder vielmehr Verschleierer ihrer im stillen gehegten Wünsche in Betracht. Es ist uns also besonders um die Cohensche Philosophie des Judentums zu tun, aber diese Philosophie ist allzu tief in seinen allgemeinen philosophischen Anschauungen verwurzelt, als daß diese sich ohne weiteres umgehen ließen und für unsere Betrachtungen ohne empfindlichen Schaden wegfallen könnten. Ein Wort über Kant wird man dabei schon sagen müssen. Bei all der Eigenmächtigkeit, mit der Kant den menschlichen Geist ausstattet, ist er doch eifrig bemüht, den intimen Kontakt dieses Geistes mit einem von ihm unabhängig bestehenden Gegebenen nachzuweisen. Das Gegebene und das Denken bilden zwar vollständig in sich abgeschlossene Sphären, aber diese Sphären haben einen gemeinsamen Berührungspunkt — ein Umstand, der für beide Teile von der größten Wichtigkeit ist: das Denken wird fortwährend von dem Gegebenen befruchtet, und das Gegebene vom Denken fortwährend geformt. Reißt sich das Denken von diesem Boden des Gegebenen los — wird es unfruchtbar; bleibt das Gegebene sich selber überlassen ohne Leitung und Regelung seitens des Denkens — wird es chaotisch. So weit Kant. Was hat nun Cohen daraus gemacht? Just das, wovor Kant nachdrücklich gewarnt hat. Nach Cohen hätte das Denken nur mit sich selber zu tun und käme an das Erfahrungsgegebene gar nicht heran. Dem menschlichen Denken könne nichts von außen her gegeben werden, denn es gibt sich selber seine Gegenstände und stellt sich selber seine Aufgaben. Das Gegebene bleibt entweder ganz und gar nicht erkannt, oder wenn es erkannt wird, so hat es eo ipso aufgehört Gegebenes zu sein und wird zu einem Erzeugnis des Denkens, und zwar bestehe die Arbeit meines Denkens darin, daß es unaufhörlich einreiht, ordnet und systematisiert. Wenn ich also etwas erkannt habe, so heißt das nicht, daß mein Denken aus der unerschöpflichen Schatzkammer des Erfahrbaren ein Ding herausgehoben und in seine Sphäre hineingezogen hat, da mit den Dingen nur die Sinnlichkeit, nicht aber das eigentliche Denken in unmittelbare Berührung gelangt; mein Denken hat nur die Stelle des Dinges in einer zusammenhängenden Reihe von abstrakten Symbolen fixiert. Der Gegenstand meines Erkennens ist nicht das Ding selber, sondern bloß dessen Abzeichen und Stellenwert in einem System. Aus dem Rahmen des Denkens fällt auf diese Weise die ganze lebendige Wirklichkeit heraus. Nicht mit den unmittelbar gegebenen Dingen, sondern