Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 5 (August 1916)
- Article
- Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich
- Date
- 1916-08-01
- Page
- 297 (sequence 8)
- Language
- German
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Für eine nationale Autonomie der Juden in Österreich 297 bei dessen Bildung keine Gefahren möglich sind, wie bei anderen Nationen, bei welchen die Rassen- (oder stammliche) und konfessionelle Einheitlichkeit fehlen. Vom Staate könnte das gemeinsame Organ mit Recht dann Subventionen für wirtschaftliche und kulturelle Zwecke, gleich andern Nationen, verlangen, was bisher nicht geschehen ist, weil die Regierung mit Recht den sich Meldenden unumwunden erklärt hat, sie wisse nicht, wer eigentlich berechtigt sei, im Namen der gesamten jüdischen Bevölkerung aufzutreten und der Regierung Postulate vorzulegen. Speziell auf dem Gebiete des Schulwesens harren der Gemeinde viele wichtige Aufgaben. Bekanntlich besteht das Bestreben der Nationen in Österreich, das Schulwesen in ein nationales auszugestalten. Es gab sogar einen Vorschlag wegen Gründung von Minoritätsschulen (1910). Die Regierung wird den neugegründeten Schulen später die Anerkennung und Unterstützung nicht versagen, für die Gemeinden bedeuten sie einen beträchtlichen Schritt zur wirklichen Autonomie, denn die jüdische Schule wird jüdisch sein ihrem Inhalte nach. Mit diesem Problem ist das Problem der Minoritätsschule verbunden, A^ir müssen noch einmal die bekannte Tatsache konstatieren, daß die Juden überall in der Minderheit sind. Doch gibt es viele einzelne Ortschaften, wo sie relativ und sogar absolut die Majorität bilden. Die Minoritäten zu schützen ist die wesentliche Aufgabe der Gemeinden. Das Budget soll quotenmäßig vom Staate auf die Nationalitäten, darunter die jüdische, gedeckt werden. Auf dem Gebiete der Wirtschaft ist vieles durch einen Zusammenschluß zu erreichen. Dies sah schon der galizische Landesausschuß ein, der in dem Fragebogen, der den Mitgliedern der bekannten Enquete (über das Judenelend) im Januar 1910 vorgelegt wurde, im Punkt IV 1. folgende Frage anführt: ob es nicht ratsam wäre, das bei den Kahals bestehende Kapital zu konzentrieren, oder ob es nicht ratsam wäre, diese zentrale Institution an eine Landesorganisation der jüdischen Kultusgemeinden anzuschließen. Es liegt auf der Hand, daß der Gedanke ein richtiger und gesunder ist, denn außer der Konzentration des Kapitals und dessen zweckmäßiger Verwaltung und Verwendung wäre es möglich, eine einheitliche Besteuerung durchzuführen. Denn die Steuerhoheit ist neben der Repräsentationshoheit die wichtigste Prärogative der neuen Organe. Die jüdische Gemeinde wird keine territoriale sein, sondern eine personale, gebietsrechtlich größtenteils eine Minoritätsgemeinde, sie wird auch mit ihrem eigenen Jüdischen Kataster die Grundlage bei Vertretung der jüdischen Minoritäten in der Ottsgemeinde, dem Landtag und Reichsrat bilden können. Mit der auf diese Weise konstituierten und geordneten Gemeinde wird die Reibungsfläche, die durch das Problem „Israel unter den Nationen" geschaffen wird, allmählich verschwinden. Eine friedlichere Lösung des jüdischen nationalen Problems kann es nicht geben. Nach dem Kriege kann das nationale Programm der jüdischen Autonomie — entgegen allen widersprechenden Meinungen — aus sachlichen Gründen zu einem nationalen Friedensprogramm werden. Die Ausschaltung der Juden aus dem nationalen Operationsgebiete der streitenden Nationen der einzelnen Kronländer kann die Erbitterung verringern und ein Moment der Beruhigung bringen. 2. Zt. Przemysl Max Rosenfeld Heft 5.