Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe aus England
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 432 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Umschau: Das Judentum in Ostasien land in dieser Richtung noch nichts getan worden. Dr. Gaster, dessen Vortrag den Höhepunkt der Sommerkurse bedeutete, trat in seiner lebendigen geistvollen Art für eine jüdische Akademie ein. Es muß eine Institution geschaffen werden, die die linguistischen, paläologischen, archäologischen, naturwissenschaftlichen, historischen, philosophischen, kunsthistorischen Studien auf dem Gebiete der Hebraiea und Judaica vereint und fördert. Dr. Gasters Worte dürfen nicht verhallen. Die Diskussion ist eröffnet. Äußerungen aus anderen Ländern zu dieser bedeutsamen Anregung wären höchst willkommen. Die jüdische Akademie soll alle Juden, französische, englische, deutsche usw. verbinden, ein Symbol des jüdischen Volkes werden. Während ein Teil der Vorträge historischphilosophischen Fragen gewidmet war (Mittelalterliche Ideen über das Universum, Der geistige Faktor im Judentum, Einheit der jüdischen Zivilisation, Jüdische Geschichtsschreiber, Der Talmud) und der andere politischen Fragen, der Emanzipation, dem Antisemitiemus und dem Zionismus, fanden historisch-ökonomische Probleme der älteren Vergangenheit weniger Beachtung. In Berücksichtigung spezieller Interessen der Zuhörerschaft wurden auch Vorträge über Kinderfürsorge, Athletik, die „Jewish Lad*s BrigäMe", den hebräischen und den Religionsunterricht und über die „Aussichten für jüdische Lehrer in Palästina** abgehalten. Die dritte Jahreskonferenz der „Inter-University-Jewish Federation in England and Irland** fand gleichzeitig in Oxford statt; sie wurde mit Vertretern der Universitäten Oxford, Cambridge, Glasgow, Edinburgh, London, Manchester, Liverpool, Leeds, Birmingham, Wales und Sheffield beschickt. Die Aufgaben der Federation sind folgende: Förderung des Zionismus, Unterstützung des jüdischen Kriegsdenkmals (einer Institution, die von den englischen Juden zur Erinnerung an den Sieg ins Leben gerufen worden ist; die Prozente der sammelnden Million Pfund Sterling sollen für jüdische Wissenschaft und jüdische religiöse Erziehung verwendet werden) und jüdische Studentenfürsorge. Mark Wischnitzer DAS JUDENTUM IN OSTASIEN i. Wie von so vielen anderen Volksstämmen, wird auch von den Japanern behauptet, daß sie Nachkommen der zehn Stämme Israels seien. Mehr Wahrscheinlichkeit genießt in den Kreisen der in Japan lebenden Juden die Annahme, daß die Ainos, die im Norden Japans lebenden früheren Bewohner des Inselreiches, denen man manchmal auch in den Straßen Tokios begegnet und die sich durch ihre von schwarzem Vollbart umrahmten Gesichter und ihren höheren Wuchs auffallend von den Japanern unterscheiden, mit jüdischem Blute gemischt sind. Unzweifelhafte Juden finden sich in Japan aber erst seit kurzer Zeit. Zuerst waren es jüdische Familien aus dem anglosächsischen Sprachkreise, die sich in geringer Zahl in Tokio oder Yokohama niederließen und bald, insbesonders durch Beherrschung der anglojapanischen Presse, einen bedeutenden Einfluß ausübten und zu Wohlstand gelangten. Diese Juden sind ebenso wie die wenigen aus Mittel- und Westeuropa stammenden völlig as~ similiert und kommen für das Judentum kaum mehr in Betracht. Etwas dem Antisemitismus änhliches gibt es in Japan ebensowenig wie z. B. in Shanghai oder in anderen ostasiatischen Kolonien. Den Japanern gegenüber gilt der Jude als Europäer schlechthin oder als Glied seiner Sprachgemeinschaft. Die Europäer untereinander aber verbindet im Osten ein starkes Solidaritätsgefühl, über Rassenunterschiede hinweg. Selbst das überaus starke Zuströmen russischer Juden nach Yokohama und Shanghai in den letzten zwei Jahren hat noch nicht einen nennenswerten Antisemitismus unter den Europäern hervorgerufen. Diese russischen Juden sind zwar allgemein unbeliebt, eher aber in ihrer Eigenschaft als Russen und voraussichtliche Träger revolutionärer Gedanken, denn als Juden. Die einzigen Träger eines jüdischen Lebens in Japan sind die aus Rußland stammenden Juden. Ihre älteste Kolonie befindet sich in Nagasaki, einer herrlichen Hafenstadt an der subtropischen Südspitze Japans. Es handelt sich meist um polnische und litauische Juden, die während des russisch-japanischen Krieges als Kriegsgefangene in Japan gelebt hatten und dann dort verblieben waren. Sie sind dem Judentume treu geblieben, wenn sie auch aus Weibermangel zum großen Teil Mischehen eingegangen sind, wobei die Japanerinnen zum Judentum übergegangen sind, dessm Vorschriften sie mit großer Strenge einhalten. Die Kinder aus diesen Ehen sind, wie alle Mischlingskinder, die man in Japan aus europäisch-japanischen Ehen sieht, von großer Schönheit, ihre Gesichtszüge machen aber meist nicht den Eindruck angeregten geistigen Lebens. Haut und Statur sind bei ihnen europäisch, aber von einem matteren Glanz als bei Europäern, ihre Augen tragen mongolischen Charakter. In Nagasaki dürften derzeit -150 jüdische Familien sein. Die meisten beobachten streng die religiösen Vorschriften, halten einen Schochet, der zugleich Kantor ist, und bei der Stadt befindet sich auch ein Friedhof, auf dem die jüdischen Soldaten, die in der Kriegsgefangenschaft in