Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe aus England
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 431 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Briefe aus England 431 Jungen zum Ausdruck nach positiven Idealen, nach einem neuen Glauben, nach Religion. Die offiziellen jüdischen Institutionen in England wurden scharf angegriffen, die führenden Mitglieder der orthodoxen United Synagogues ins Lächerliche gezogen, wie sie an hohen Festtagen zur Synagoge in Autos angefahren kommen, und die furchtbare Leere aufgedeckt, die sich unter dem Deckmantel des offiziellen Judentums birgt. Es fehlte nicht an bitteren Bemerkungen gegen die eingangs erwähnte War Memorial-Stiftung. Es wurde der geistigen Bewegung Erwähnung getan, die in Deutschland dem jüdischen Erlebnis alte verschüttete Quellen zuführte. Ein Verlangen nach Verinnerüchung und Vertiefung des Judentums, das Befürchten einer Verflachung des Zionismus durch politische Errungenschaften und durch mangelhaftes Verständnis in offiziellen zionistischen Kreisen für jüdische Kulturaufgaben erfüllte die Versammlung. Zangwill ermahnte in seiner Schlußrede die Jugend, ihre Ideen in die Welt hinauszutragen und danach zu trachten, das Judentum mit modernem Leben und Denken in harmonischen Einklang zu bringen. Die Versammlung löste sich in kleine Gruppen auf, die die Diskussion lebhaft fortsetzten. 2. Jüdische Vortragskurse in Oxford Die alte englische Universität, die christliche par excellence, wie sie kürzlich benannt wurde, ist mit jüdischem Wissen eng verknüpft. Die Bodleiana enthält bekanntlich die wertvollsten Schätze jüdischer Gelehrsamkeit. Juden und jüdische Konvertiten lehrten hebräisch an der Oxforder Universität im 17. Jahrhundert, um dieselbe Zeit wurden hier hebräische Bücher gedruckt. Das Werk des um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts im Christchurch College wirkenden Professors der hebräischen Literatur Humphrey Prideaux: „Connection of the old and new Testament in the history of the Jews and neighbouring nations" (London, 1716—18), galt lange Zeit als Standardwerk auf dem Gebiete alter jüdischer Geschichte und war bis nach Ostgalizien hinein bekannt. Auch heute gibt es in Oxford einen Lehrstuhl für hebräische Sprache und Literatur, den Cowley, der Bibliothekar der Bodleiana, ein hervorragender Gelehrter, bekleidet. Es ist daher auch ganz natürlich, daß dieses Kulturzentrum eine besondere Anziehungskraft für jüdische geistige Regsamkeit auch heute besitzt und gerade hier der Versuch gemacht wurde, einen Vortragszyklus zu veranstalten, der die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen aus ganz England vereinen sollte. Der Gedanke ging von der „Union of Hebrew and Religion classes" aus. Oxford, die Stadt der judenfreundlichen Auspizien, erschien als der geeignete Ort für die Ausführung desselben. Die Universität stellte die Räume der Ripon Hall und des Oriel College zur Verfügung. In seiner Begrüßungsrede hob der Vizekanzler der Universität Dr. Farnell die Bedeutung des Studiums der hebräischen Sprache hervor. Er wandte sich an diejenigen unter der Hörerschaft, die sich für das Wirken in dem Lande der Verheißung vorbereiten. „Es ist bekannt, was für außerordentliche neue Aspekte in der Geschichte der Juden die letzten Ereignisse eröffnet haben." Was die Zukunft betreffe, so liege sie hauptsächlich in ihren eigenen Händen, in den Händen derer, die in das Heilige Land sich begeben. Welcher Religionsanschauung man auch sei, müsse zugegeben werden, daß Palästina einer der interessantesten Teile der Welt war und bleiben wird. Die Geschichte lehrt, daß viele Weltereignisse aufs innigste mit Palästina verknüpft waren.;Um die Geschichte der alten jüdischen Rasse, welche mit der Oxforder Wissenschaft so eng verknüpft war, gründlich zu verstehen, muß man die Geheimnisse Palästinas aus den entlegensten Jahrhunderten erschließen. Dr. Farnell forderte zum Studium der vorgeschichtlichen Archäologie Palästinas auf, in den 'Fußtapfen Prof. Garstangs und anderer Forscher. Die Vorlesungen begannen am 23. Juli und endeten am 17. August. Die Zahl der Hörer schwankte zwischen 40 und 60. Die Vorträge waren Problemen des Nationalismus, Zionismus, des Erziehungswesens und geschichtlichen Themen gewidmet. Unter den wissenschaftlichen Vorträgen verdient Dr. Mastermans Vorlesung über die letzten Ausgrabungen in Gezer (begonnen 1904) und die Geschichte der Stadt im Laufe der Jahrhunderte mit Lichtbilderillustrationen und Dr. Israel Abrahams' Vorlesung über die Beziehung der Geographie zur Geschichte, insbesondere der Geschichte der Juden, besondere Beachtung. Das Thema „Bibel als Literatur" gab Nicol Smith Gelegenheit, über die englischen Bibelübersetzungen zu sprechen. Brodetskys Ausführungen über die Juden in der modernen Wissenschaft zeichneten ein glänzendes Bild jüdischer Tüchtigkeit und Genialität. Die Fragen jüdischer Hochschulbildung und jüdisch-wissenschaftlicher Forschung, die im Mittelpunkte der geistigen Interessen unserer Zeit stehen, wurden von Dr. Brodetsky und Dr. Gaster behandelt. Ersterer sprach über die hebräische Universität in Jerusalem, Dr. Gaster über die Errichtung einer jüdischen Akademie. Während auf dem Kontinent das von Hermann Cohen angeregte Projekt einer jüdischen Akademie Anklang zu finden scheint, ist in Eng-