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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 430

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Jiddische Literatur in Amerika
Date
1920-01-01
Page
430 (sequence 3)
Language
German
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430 Umschau: Briefe aus England risch nicht aufgegangen in sie und es war leicht zu bemerken, daß jeder einzelne „aus seinem eigenen Glas trinkt". Es war wahrhaft eine Periode intensiver, individueller Entwicklung. Es erschienen damals im ganzen zwei oder drei selbständige Bücher (Sammelbücher), aber jeder der Augen hatte, sah, daß sich eine neue Quelle erschlossen hatte. Jetzt entwickeln sich schon einige der Schriftsteller, die damals begonnen hatten, in die Breite, und nicht mehr in die Tiefe. Und jene, die in den letzten Jahren hinzukamen: die meisten von ihnen, waren überhaupt niemals in die Tiefe gegangen. In die Tiefe geht man nur einsam, und sie sind, mit wenigen Ausnahmen, alle zusammen, auf einmal, gekommen: eine ganze Masse. Selten gelingt es, einen von der Masse zu sondern und sein eigenes Gesicht zu sehen. Meistens hat man vor sich eine Art Massenproduktion. Und erweist sich einmal der Versuch, eine neue Form, einen neuen Stil zu schaffen, z. B. der Introspektivismus, ist es wieder nicht der Versuch eines einzelnen, sondern einer Gruppe. Man will durch ein Kollektivum die Persönlichkeit ersetzen. So als wäre Stil in Wahrheit nichts mehr als eine Korrepetition. So ist eben die Psychologie einer Generation, die sich in die Breite verliert: die Ausdehnung verbraucht ihre ganze Energie. Es gibt aber Zeichen, daß die gegenwärtige Expansion einen Boden für neue Vertiefungen bereitet. S. Niger BERICHTE VON JÜDISCHEM LEBEN BRIEFE AUS ENGLAND i. Jungjuda in England Es ist schwer zu glauben, aber es ist so — Jungjuda lebt in diesem Lande, wo es auf den ersten Blick überhaupt keine jüdische Kulturbewegung zu geben scheint, wo das einzige jüdische wissenschaftliche Institut (Jews College), an dem solche bedeutende Kräfte wirken wie Adolf Büchler, Hartwig Hirschfeld und Marmorstein, eine kümmerliche Existenz führen muß, wo es keine jüdische literarische Zeitschrift gibt, denn Wochenblätter wie die Jewisli Chronicle und der Jewish Guardian haben das Odium einschläfernder Farnilienlektüre, die gediegene Jewish Quarterly Review ist aber längst nach Amerika übersiedelt. Der Judaismus, von dem hier bei feierlichen Gelegenheiten stets die Rede ist, ist blaß und schwächlich, und es ist sehr die Frage, ob die Jewish War Memorial-Stiftung ihm Farbe und Kraft verleihen wird. Denn es ist noch nicht damit getan, eine Million Pfund Sterling zu sammeln und aus den Prozenten das Jews College, das nach Cambridge oder Oxford verlegt werden soll, finanzieren und den herkömmlichen Religionsunterricht fördern zu wollen. Was* nottut, ist eine erneuerte, von Grund aus revidierte dynamische Auffassung des Judentums und der in ihm begriffenen Entwicklungsmöglichkeiten, wofür den offiziellen Vertretern der Gemeinde, abgesehen von einzelnen freilich sehr rühmenswerten Ausnahmen, die Organe fehlen. Die jüdische Jugend hier, der geistig rührige, betriebsame Teil derselben empfindet die starre Atmosphäre der offiziellen Synagoge als etwas äußerst Hemmendes und Feindliches. In einer Versammlung der Jewish Students Union, die kürzlich stattfand, brach die Entrüstung der vorwärtsstrebenden und neue Bahnen suchenden Jugend mit einer Leidenschaft^ lichkeit aus, die eine lang aufgehaltene Kraftäußerung kennzeichnet. Israel Zangwill, der Präsident des Vereins, hatte Fragmente aus seinem im Drucke befindlichen Buch „Voice of Jerusalem" vorgetragen. Zangwill ist einer, der mit der traditionellen Versöhnungspolitik zwischen Christentum und Judentum ein Ende machen will, sein neues Buch ist eine bittere Anklage gegen Christentum, das das große Morden, den Weltkrieg, gebilligt hat. Zangwills Buch gibt ein verklärtes Judentum, ein Judentum, das Ziel und Zukunft weist. In seinem Gedichte „Die Gojim" zeichnet er die verschieschiedenen Aspekte der christlichen Zivilisation in den Augen des verängstigten Ghettokindes, des assimilierten Humanitätsjüngers und des heutigen Nationaljuden, der zu der negativen Auffassung der christlichen Welt zurückkehrt, aus Grauen vor ihrer Unmenschlichkeit. In einem Kapitel seines neuen Buches behandelt Zangwill die Beziehungen des Judentums zum Urchristentum. Im Prolog zu seinem Buche zeichnet er die bizarre Gestalt eines jüdischen Gottsuchers, der während des Weltkrieges sich um eine Audienz bei Lloyd George bewirbt, um mit dem englischen Premier über Gott zu diskutieren, da er fest überzeugt ist, daß eine Erörterung dieses Themas von größter Wichtigkeit für den Gang der Weltereignisse sein muß. — Dieses Kapitel in Zangwills Buch mag humoristisch klingen, und doch ist des Autors Bekenntnis darin zu lesen. Zangwill glaubt an die Sendung Israels, an sublimierte Menschlichkeit, die die Juden zu erstreben und zu verwirklichen haben, und er glaubt an die jüdische Jugend. In der Diskussion, die der Vortrag Zangwills auslöste und an der die Mitglieder des Vereins regen Anteit nahmen, kam der Wunsch der

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