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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 429

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Jiddische Literatur in Amerika
Date
1920-01-01
Page
429 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Jiddische Literatur in Amerika 429 Feuilletons wohl mehr sind als Feuilletons. Zu geschweigen von der ernsten Publizistik und Kritik — sie hat doch gewiß verdient „aufbewahrt zu werden für die kommenden Geschlechter" — und wir besitzen jetzt die gesammelten Werke (oder den Anfang der gesammelten Werke) von Dr. Schitlowsky, Dr. Jizchak Eisig Hurwitz, Jankew Milch, Olgin, B. Boruchow.. . Es hat begonnen eine Art Erntefest, eine Sammelperiode in der jiddisch-amerikanischen Literatur. Lange Zeit hindurch wohnte sie in einem Zelte (das waren die Zeitungen) und jetzt, wo sie sich ein Haus erbaut hat (das Buch), stürzen sich alle aus dem Zelt in das Haus. Und das Haus wird immer größer. Früher waren bei uns auf dem Gebiet der Wissenschaft fast nur Kompilationen; in den letzten Jahren beginnen selbständige wissenschaftliche Arbeiten zu erscheinen, Originale und Übersetzungen, besonders auf dem Gebiete der Geschichte und der sozialen Frage. Außerdem beginnen sich neue Gebiete zu entwickeln, so Kinderliteratur, Lehrbücher, Pädagogik ... Größer wurde die Zahl der 'Bücher und Broschüren, die jiddisch erscheinen, und auch die Zahl der Schriftsteller hat sich gesteigert (besonders sind Lyriker hinzugekommen) .. . eine Gruppe von Schriftstellerinnen wurde bemerkbar ... es entwickelt sich der Typus des berufsmäßigen Übersetzers ... Kurz, es herrscht Wachstum und Ausbreitung auf allen Gebieten der literarischen Tätigkeit. Während jenseits des Meeres in Rußland, Polen und den anderen Ländern der Krieg die jiddische literarische Produktion fast ganz unterbunden hat, sind jetzt in der amerikanisch-jiddischen Literatur die ,,fetten Jahre". So, als wollte sich die jiddische Literatur in Amerika für die Verluste entschädigen, die sie in ihrer alten Heimat erlitt. Und in einem gewissen Sinn ist es eine Entschädigung. Für eine junge Literatur, wie die jiddische, ist auch die expansive Entwicklung, sehr wichtig. Eine junge Literatur bedarf des äußeren Ansehens. Und gar eine so junge Literatur, für die das äußere Ansehen ein Mittel ist, um ihr Recht zu kämpfen, um das Recht der Sprache, aus der und mit deren Hilfe sie geschaffen wird. Außerdem hat die allgemeine kulturelle Entwicklung ihrer Leser für die Literatur eine große Bedeutung: je fähiger die Leser zu nehmen werden, um so fähiger wird die Literatur zu geben. Und das gilt auch für die schöne Literatur. Daher hat auch schließlich die schöne Literatur viel dadurch gewonnen, daß bei uns die Zahl der belletristischen Übersetzungen und der wissenschaftlichen Bücher gewachsen ist, denn sie helfen, den jiddischen Leser zu entwickeln, seinen Geschmack zu verfeinern, seinen Horizont zu erweitern. Und man kann zwe fellos die jiddischliterarische Entwicklung in Amerika als eine Art Entschädigung für die Krise bezeichnen, die die jiddische Literatur jenseits des Meeres durchlebt. Dennoch ist es eine Entwicklung, die mehr in die Breite als in die Tiefe geht. . Die Übersetzungen aus anderen Sprachen, die sich bei uns vermehrt haben, können unserem literarischem Schaffen gewiß helfen tiefer zu werden: sie können es lehren sich ernstere Probleme zu stellen, feinere Methoden und einen edleren Stil zu verwenden, als es früher der Fall war. Aber dies wird sich nicht so schnell erweisen. Dies wird erst später eintreten, wenn die Schöpfungen der Weltliteratur in unseren. Boden ganz eingedrungen sein werden. Indessen aber liegt der Wert der Übersetzungen vor allem in der Vermehrung der Zahl guter Bücher, d. h. nur in der Verbreitung des jiddischen Worts. Das Gleiche muß man von der Sammlung der Werke jiddischer Schriftsteller, von ihrer Übertragung aus Zeitungen und Zeitschriften in Bücher sagen. Gewiß stellt dies die Werke der jiddischen Schriftsteller an einen mehr sichtbaren Ort und vergrößert ihre Wirkung. In den Zeitungen und Zeitschriften würden sie verloren gehen; so aber, in Buchform, werden sie dem heutigen und künftigen Leser erhalten. Aber es sind darum doch keine neuen Schöpfungen. Alle diese Erzählungen, Skizzen, Bilder, Lieder, Essays, Aufsätze waren schon früher da, nur der .Kreis ihrer Wirkung ist weiter geworden. Und wie steht es mit der Vergrößerung der Zahl der Autoren, die so charakteristisch ist für die jetzige Periode der literarischen Entwicklung? Ist sie eine Vergrößerung der Zahl der Persönlichkeiten in der jüdischen Literatur? Macht sie unser Schaffen im allgemeinen differenzierter, oder tiefer, intensiver das Schaffen jedes Einzelnen? Bringt sie in unsere Literatur neue Formen, neuen Ton, neue individuelle Eigenschäften? Vor einem Jahrhundert, ehe die jetzige Entwicklung 'in die Breite begonnen hatte, ehe die jetzige mehr verlegerische, als schaffende Periode in unserer Literatur eingesetzt hatte -- hatte fast jeder Einzelne von den Neuen irgendeinen neuen Ton. Ebenso wie früher Rosenfeld, Ljesin, Jehojosch, Rolnik in der Poesie, oder Kobrin, Pinski, S. Levin und andere in der Prosa, so war auch damals fast jeder von der Gruppe der Jungen eine Welt für sich, oder ein Weltchen für sich, nicht. bloß einer von vielen. Manje Leib, M. L. Halpern, Sische Landau, später Leiwik, Opatoschew, Raboj, Mojsche Nadir, Ignatow, trotzdem sie fast alle zu einer Gruppe gehörten, waren sie künstle-

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