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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 7 · p. 425

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 7
Article
Zionismus und nationale Bewegung
Date
1920-01-01
Page
425 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Jüdische Volkswirtschaft im Westen 425 verstreichen lassen. Auch wir Zionisten haben die Bedeutung des Kongreßgedankens nicht erfaßt, und gerade die besten, die ältesten, die treuesten Zionisten haben ihn am wenigsten erfaßt. Wir wurden auch in dieser Frage den Forderungen der Stunde nicht gerecht. Und die lahme Resolution der Londoner Jahreskonferenz betreffs des jüdischen Weltkongresses zeigt, daß das Verständnis dafür in unseren Reihen heute nicht größer ist als vor einem oder zwei Jahren. Dem jüdischen Volke fehlrn die Führer, die mit umfassendem Blick und kühnem Geiste die großen Aufgaben des Tages begreifen und fähig wären, das Volk dazu aufzurütteln, ihnen gerecht zu werden. Auch dem Zionismus fehlen diese Führer. Wir haben Diplomaten, Taktiker, bestenfalls geschickte Parteileiter; Führer von Rang und Format, nationale Volksführer haben auch wir nicht. Auch dies ist ein Symptom mehr für die beängstigende innere Schwäche des Volksorganismus. Große Bewegungen schaffen sich große Führer. Wo die großen Männer fehlen, da liegt es an der Idee, ist es ein Beweis, daß die Idee nicht groß oder nicht mehr groß ist. Und es ist das unglückselige Geschick unseres Volkes, daß wir in einer Situation sind, die Größe verlangt, in der mit Tüchtigkeit, Fleiß, Aufopferung und Geschicklichkeit das Wichtigste nicht geleistet werden kann. Das Ostjudentum vor dem Untergange retten, Palästina aufbauen, das jüdische Volk organisieren und einen, das sind Aufgaben, die Größe erfordern von den Männern, die sie erfüllen wollen, Größe von den Mitteln, durch die sie erfüllt werden sollen. In ein Schicksal hineingestellt, das an Dimension und Bedeutsamkeit von beinahe überhistorischem Format ist, erweist sich unser Volk kleiner als je. Von Gefahren umringt, die die Wurzel und Existenzgrundlage des Volkes zu zerstören drohen, zeigt sich unser Volk apathischer denn je. Zu Aufgaben berufen, die an Sinn und Bedeutung überzeitlich sind, verhält es sich indifferent und bar jeden Verständnisses. Das ist die Signatur unserer Lage, von einer Trostlosigkeit, deren Tiefe die wenigsten nur ahnen. Das Judentum im Osten wird vernichtet und das Judentum im Westen macht Geschäfte und schweigt. Palästina ist uns zum Aufbau gegeben, und das Judentum macht Geschäfte und ist indifferent. Wo sind die Kräfte, die das Volk aufrütteln, wo die Männer, die es hinreißen könnten? Die Gegenwart ist finster und grauenhaft; wo sind die Strahlen, die den Anbruch einer lichten, besseren Zukunft künden? Nachum Goldmann JÜDISCHE VOLKSWIRTSCHAFT IM WESTEN Der Jude Karl Marx*), Sozialist, Religionsphilosoph und Antisemit spricht hier. Seine Sprache und seine Auffassung sind für die Einschätzung des Juden als homo oeconomlcus und Kosmopoliten so typisch geblieben, daß die Schrift auch ohne das Bemühen um den Menschen Marx, das die gegenwärtige Zeit erfüllt, von höchster Aktualität wäre. Und umgekehrt ist die Art des kosmopolitischen Juden, seine und seines Stammes Probleme auf die Menschheit zu projizieren, wie Marx das Problem der politischen Emanzipation in dieser Schrift, typisch geblieben seit seinen Tagen. Ich fühle mich nicht als Marx-Kenner, der es wagen könnte, aus dieser Schrift ihn als Prototyp einer Gattung von Juden herauszuschälen, die numerisch und politisch genug wiegen, um als Spezies in der jüdischen Wirtschaft zu gelten. Für mich fällt also die psychologisch dankenswerte Aufgabe, das Werk aus dem Menschen zu erklären, weg. Was bleibt übrig? Das Problem der Emanzipation des Judentums und seine Verknüpfung mit der Emanzipation der Menschheit. Ersteres in extenso, letzteres in nuce. Halten wir uns an die Juden: Die Betrachtung der Judenfrage als religiöse Frage, wie sie Bruno Bauer in seinen Schriften „Zur Judenfrage" und „Die Fähigkeit der Juden und Christen, frei zu werden" versucht hat, welche Schriften die gleichlautenden Marxens angeregt haben, ist falsch. Die Frage muß lauten „welches besondere gesellschaftliche Element zu überwinden sd, um das Judentum aufzuheben?" „Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. Nun wohl! Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen realen Judentum, wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit. Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum." Das Judentum umgeht die bürgerliche Gleichberechtigung und schafft sich in Industrie und Finanzkapital eigene Mächte, die die Behörden, welche seine politische Knechtschaft wollen, ihrerseits knechten. Während die Politik ideal über der Geidmacht steht, ist sie in der Tat zu ihrem Leibeigenen geworden. „Das Judentum erhält sich, weil der praktische jüdische Geist, weil *) Karl Marx: Zur Judenfrage. Ernst Rowohlt, Verlag, Berlin 1919.

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