Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Zionismus und nationale Bewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 424 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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424 Umschau: Zionismus und nationale Bewegung in der Ukraine in großem Maßstab, das geht in Ostgalizien, in vielen Teilen Polens in kleinerem vor sich. Eine jüdische Position nach der anderen wird zertrümmert, ein jüdisches Städtchen nach dem anderen zerstört; Morde, Schändungen, Plünderungen, es sind Alltäglichkeiten geworden, und in qualvoller Härte ringt das östliche Judentum um seine nackte Existenz. Die nichtjüdische Welt weiß nichts davon. Hilfe ist von ihr nicht zu erwarten. Selbst im Chaos irrend, taumelnd in grausem Tanz einer verrückt gewordenen Generation, wie sollte von ihr Hilfe £ür leidende Juden zu erwarten sein? Was aber furchtbarer, was wahrhaft unerhört und verbrecherisch ist: auch das westeuropäische und amerikanische Judentum weiß nichts davon und schweigt. Die jüdischen Zeitungen bringen wohl Nachrichten; jüdische Redner und jüdische Organisationen sprechen zwar vom Leiden des Ostjudentums; aber das sind alles leere Worte, schnell gesprochen und schnell verflogen. Wahrhaft ins Bewußtsein des Judentums gedrungen ist sie nicht: diese furchtbare Tatsache des Untergangs großer Teile der Ostjudenheit. So apathisch, so von der moralischen Fäulnis zersetzt ist auch das Judentum geworden, daß es diese Kunde hört, aber nicht ins Bewußtsein aufnimmt. In früheren Jahren, wenn von einem Pogrom gemeldet wurde, war doch etwas von einer jüdischen Solidarität warzunehmen; das Judentum geriet in Erregung, Aktionen wurden unternommen, Sammlungen eingeleitet, Hilfsmaßnahmen getroffen. Heute aber, da Furchtbareres, Entsetzlicheres als Pogrome sich ereignet, da ein großer blühender Teil des Volkes regelrecht ausgerottet wird, schweigt das Judentum und lebt dahin, als ob nichts geschähe. Nichts offenbart die tiefen inneren Wunden, die die letzten Jahre der jüdischen Volksseele zugefügt haben, so sehr wie diese Apathie der westeuropäischen und amerikanischen Judenheit angesichts der Ereignisse im Osten. Wir hatten vordem doch so etwas wie eine Solidarität, wie eine gemeinsame Volksseele in Stunden der Not. Waren wir auch nicht aktiv national solidarisch, waren wir es auch kulturell nicht, in der Abwehr äußerer Angriffe gegen das Dasein des Volks waren wir geeint; im Philanthropischen, im Menschlichen gab es eine Einheit der Tat im Judentum. Auch diese letzte schwächste Form unserer Solidarität ist uns, scheint es, in diesen Jahren verloren gegangen. Das ist ein fürchterliches Symptom. Hier lag unsere stärkste nationale Energie. Wo es gilt, Neues, Schöpferisches für das Volk zu leisten, wo es gilt, unsere nationale Zukunft aufbauend zu gestalten, da haben wir schon seit langem die Fähigkeit gemeinsamer Tat, die Stärke eigenen Handelns verloren und müssensie alimählich wieder erwerben. Aber in der Abwehr von Angriffen, in der Steigerung der Not, in jenen Palliativmitteln, dazu bestimmt, die Gefahr des Augenblicks zu überwinden, da waren wir geeint, stark und begabt. Droht uns der Verlust auch dieser letzten nationalen Qualität? Es wäre so etwas wie ein Anfang vom Ende. Man sage nicht: Palästina. Palästina ist keine Lösung dieser Augenblicksfrage, Palästina rettet nicht das Ostjudentum vor der drohenden Gefahr seiner Vernichtung. Es war schon bisher falsch und unverzeihlich, daß viele von uns über Palästina das Elend im Osten vergessen haben, daß die Freudenbotschaft San Remos viele das Wehklagen der Zehntausende gemetzelter Juden in der Ukraine nicht mehr hören ließ. Es war unverzeihlich, in solcher Stunde Hedad zu rufen und Freudenfeste zu feiern (es war auch aus anderen Gründen unverzeihlich). Hüten wir uns davor, das Problem des Untergangs größerer Teile der Ostjudenheit, dieses dringendste, drängendste, blutigste Problem der Stunde, ob der Aufgabe, die uns Palästina stellt, zu vergessen. Nichts könnte solche Schuld sühnen; auch Palästina wäre keine Entschuldung. Man muß all das betonen, denn wir Zionisten sind hier zu führendem Tun berufen. Die Fiktion, nur Palästina ginge uns an, ist schon längst überwunden. Wo es gilt, eine grcße Frage jüdischen Daseins zu lösen, dort ist unser Platz. Da das Volk in dieser Frage passiv ist, indifferent und ohne jedes Wissen um die Größe der Gefahr, ist es unsere Sache, hier die Initiative zu ergreifen, aufzurütteln, aufzuwecken; ihm in die Ohren zu gellen, was geschieht und was bevorsteht. Bitter rächt es sich jetzt, daß der große Gedanke der jüdischen Kongreßbewegung so leichtsinnig verplempert wurde. Der jüdische Kongreßgedanke hätte die Mög'ichkeit geboten, eine Einigung des Volkes herbeizuführen. Wäre er verwirklicht worden, wir hätten heute eine Führung des jüdischen Volkes, wir hätten wenigstens in den Fragen der Hilfe und der Abwehr äußerer Angriffe eine jüdische Politik. So fehlt uns beides; die Führung und die einheitliche Politik. Das Judentum eines jeden Landes arbeitet philanthropisch gesondert, und ungezählte Kräfte gehen so verloren. Das amerikanische Judentum, das den größten Teil der Gelder gibt, geht bei der Verwendung ohne Fühlungnahme mit den Juden der anderen Länder vor, ohne einheitliche Zielsetzung, und vergeudet das Wertvollste auf momentane Unterstützung. Und der Versuch der Karlsbader Konferenz, eine gewisse Einheitlichkeit der philanthropischen Aktion herbeizuführen, wird, fürchte ich, Versuch bleiben. Man hat eben den richtigen Augenblick ungenützt