Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Araber in Palästina
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 418 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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4i8 Bemerkungen: Volkserzählungen aus Palästina die seiner Nachbarvölker, der Araber und Armenier, herbeizuführen und einen schönen Traum zu verwirklichen: den Bruderbund zwischen allen Völkern des nahen Orients und ihren freien Staaten. „ „ Ä J. H. Castel Volkserzählungen aus Palästina*) Als im Jahre 1918 die „Volkserzählungen" erschienen, hätte man annehmen müssen, daß sie in zionistischen Kreisen mit großer Freude aufgenommen werden würden. Aber niemand kümmerte sich um sie, und keine unserer vielen Zeitschriften erwähnte sie auch nur mit einem Wort. Gewiß, das Wort Jude kommt nicht ein einziges Mal vor, aber das Buch ist trotzdem unser, wie der Jiskor. Gleichsam, als ob wir palästinensisches Leben aus Araberaugen betrachteten, nachdem es uns der Jiskor jüdisch erleben ließ. Ein Viehraub. Für den Schomer das große Drama, in dem es um Ehre und Existenz der ganzen Kolonie geht. Für den Dieb ein spaßiges Erlebnis, das er mit großem Behagen im Gastzelt seines Scheichs erzählt. Aus dem Jiskor kennen wir den Moghrebiner als den gefährlichen Räuber, die Furcht des Beduinen aber macht aus ihm den allmächtigen Zaubrer. Doch so verschieden der Geist ist, der uns aus beiden Büchern entgegenströmt, um Juden und Araber, aus dem Jiskor wie aus den Volkserzählungen gleich mächtig emporsteigend, breitet sich die unendliche Weite der Wüste, mit ihren einsamen Brunnen, an denen abends die Hirten mit ihren Herden zusammentreffen, wie zu den Zeiten Moses und Jakobs. Aus Fruchtgärten und Olivenhainen tönen die Stimmen der Wächter, wie es das Hohe Lied schildert, und das bunte Leben der Städte trägt noch den Charakter des alten Orients. Ein anderes Volk lebt auf unserem Boden, aber die Lebensgewohnheiten sind die gleichen geblieben, wie zur Zeit, da unsere Väter im Lande wohnten. *) Volkserzählungen aus Palästina, gesammelt bei den Bauern von Bir-Jet und in Verbindung mit Dschirius Jusif aus Jerusalem herausgegeben von D. Hans Schmidt und Dr. Paul Kahle. Göttingen, Vandenhoek u. Ruprecht, 1918. Zu der Prophetin steigt das Volk hinauf, um ihren Richtspruch zu hören, die Kinderlose bringt ihr Gelübde dar, „auf daß Gott ihre Schande von ihr nehme". Tagelang streift der Fellache in den Bergen, um gleich Saul ein verlorenes Stück Vieh zu suchen, und bis auf die Art des Waschens werden die alten Bräuche bewahrt. Noch immer erzählt man sich die alten Geschichten von Susannah, von Tobias und Hiob, und zuweilen klingt eine Geschichte an, die wir aus Talmud und Midrasch kennen. Es ist schade, daß Schmidt die jüdischen Varianten nicht erwähnt, er hätte auch wohl dann nicht in der Einleitung geschrieben: „Einige Erzählungen, und zwar vorwiegend Märchen, haben wir zu einer besonderen Gruppe zusammengestellt, weil sie nicht nur zur Unterhaltung erzählt sind, sondern eine Absicht haben, eine Moral. Vielleicht erklärt sich aus dieser Absicht der Belehrung und Erziehung, wenn sie der Kunst unserer Erzähler früher einmal noch allgemeiner zu eigen gewesen sein sollte, eine Merkwürdigkeit unserer Erzählungen, für die ich sonst keinBeispiel in der Märchenliteratur weiß." Abgesehen davon, daß in 1001 Nacht eine ganze Reihe solcher Erzählungen vorkommen, z. B. die Geschichten der Zehn Veziere, (Weil, iooi Nacht, Bd. 2, S. 220), so scheinen fast alle jüdischen Märchen ausschließlich zu diesem Zwecke erzählt zu sein und es ist zu erwägen, ob nicht ein Weg von diesen „Moral"- oder vielleicht besser „Zweckerzählungen" zu. den „Moschelchen" führt, mit deren Hilfe der Jude gern einen abstrakten Gedanken durch das Erzählen eines konkreten Geschehens verständlicher und eindrucksvoller gestaltet', und ob nicht weiter von diesen anspruchslosen Gleichnisreden des Alltags ein Weg führt zu dem „Parallelismus der Glieder" in der hebräischen Poesie, der ja auch nur die Aufgabe hat, einem Gedanken durch verschiedene Bilder zu intensiverem Ausdruck zu verhelfen. Für denjenigen, der sich mit vergleichender Mythologie beschäftigt, bedeuten die Volkserzählungen eine wertvolle Quelle; über die Varianten zu unseren jüdischen Überlieferungen soll an anderer Stelle noch berichtet werden. Vera Rosenbaum