Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 405 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene 40S Aber am fünften Tage der Woche gewann die Weise der Gnade Kraft. Die Sonne strahlte über der Erde, und langsam zerging der Schnee. Frauen gingen zum Markt, Fleisch und Fische zu kaufen, und von den Dörfern ringsum kamen die Karren und Pferde. Und wieder strömten die Traufen 4es Lebens, als hätte das Strömen von oben in Ewigkeit nicht gestockt. 2. Der Zaddik kommt in die Stadt. Der Tag sank. Die nach dem Worte Gottes bangen, begannen sich im Lehrhaus zu sammeln. Die Bücherkundigen schlössen die Bücher, die Jünglinge ließen von ihrem Singen. Der Diener brannte die Kerzen an, die Gemeinde wusch die Hände zum Beten. Sie beteten, da brachen zwei alte Frauen mit Jammern in die Pforte. Die eine sprach zur anderen: „Ergieße wie Wasser dein Herz über Edale, die Keusche und Fromme". Und jene gab Antwort und sprach: „Hilf, Gott, hilf ihr und heile, um ihrer Küchlein willen, die noch nicht gesündigt haben." Und sie halten einander und stürzen in die heilige Lade und umarmen die Thorarollen, bis die Tränen ihnen kommen, sich berühren und sich vermischen. Inmitten des Betens ging ein Gerücht durchs Lehrhaus: der Zaddik kommt in die Stadt! Da stärkten sich die wenigen, die ihm anhingen, und wurden voll Freude, daß der Rabbi sich ihrer Stadt erbarmt hatte, sie an diesem Sabbath zu besuchen. Und eine Schar ausgezeichneter Jünglinge rüsteten ihr Harz uid ihre Seele, das heilige Antlitz zu empfangen. Die unkundigen Leute meinten, daß der Rabbi nur in die Stadt komme, um Edele, die Tochter Rabbi Awigdors, des Vorstehers, zu heilen. Doch wer den Haß des Vorstehers gegen die Chassidim kannte, der wußte, daß er die ganze Welt umkehren würde, um nur den Fuß dieses Zaddik von der Stadt fernzuhalten. Allerdings war ihrelFurcht nur flüchtig. Sie sprachen: Rabbi Awigdor drückt der Kummer, und es möchte ihm schwer fallen, jenen zu vertreiben. 3, Der Empfang. Als der Tag hell wurde, gingen die wenigen Chassidim hinaus vor die Stadt, um den Zaddik zu begrüßen. Manche von den Leuten von Schibbusch . gesellten sich zu ihnen, seinen Einzug zu sehen. Sie meinten: Ist er ein Zaddik, so bringt ja der Einzug eines Zaddik zur Gottesfurcht. Und wenn einer noch schwach war im Glauben an die Zaddikim, so stärkte er sich und sprach: Wer ihn zu sehen gelüstet, bei dem ist das ein Zeichen, daß die Gottesglorie auf ihm ruht. Und siehe, wie viele aus Israel stehen, ihn zu erblicken! Noch waren ihre Augen erhoben, da begann ein Wagenrad zu kreischen und bog in die Gasse der Stadt ein; da ward die ganze Gasse voll Freude: ©er Rabbi kommt! Der Rabbi kommt! Heft 7, 27