Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 389 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Albrecht Hellmann: Die Geschichte der österreich.-jüdischen Kongreß bewegung 389 •c ' ~~~ ' ' " 1 ' ——----— .. — ALBRECHT HELLMANN/ DIE GESCHICHTE DER ÖSTERREICHISCH-JÜDISCHEN KONGRESSBEWEGUNG Zur Frage der nationalen J^Iinderkeitsreckte der Juden IL Der Politiker hat die Frage der nationalen Minoritätsrechte in erster Reihe nach ihrer politischen Seite hin zu beurteilen. Als solche ist sie nach außenhin eine Machtfrage, nach innen eine Frage der Nützlichkeit und der Interessen. Natürlich weder der individuellen noch der sozialen Nützlichkeit und Interessen allein, sondern beider zusammen, eben in jener eigentümlichen Weise des Verschlungenseins und Ineinandergreifens, welche das Wesen des sozialen Gebildes, des Gemeinwesens, der Politeia ausmacht. Der praktische Politiker beschäftigt sich mit den politischen Problemen als Machtfragen, also mit der Methodik ihrer Lösung, der politische Theoretiker mit ihrem Inhalt, dessen prinzipieller Erforderlichkeit und praktischer Zweckmäßigkeit. So ist die Frage der nationalen Rechte der Juden in der Diaspora vor allem eine Frage des nationalen Interesses und, da das Wohl des Einzelnen mit dem seines Volkes in enger Wechselbeziehung -steht, in zweiter Reihe eine Frage des Interesses der einzelnen jüdischen Individuen. Wie ich im ersten Abschnitt „Das Grundproblem" dieser Artikelreihe über „Nationale Minderheitsrechte der Juden" („Der Jude", IV. Jahrgang, Heft 11) zu zeigen versucht habe, ist das Postulat der nationalen Rechte eine Existenzfrage des Galuth-Judentums, so daß das höchste nationale Interesse seine Durchsetzung erfordert und diese von größter nationaler Nützlichkeit ist. Und da die Gesamtheit über dem Einzelnen steht und das Volk über dem Volksangehörigen, müßte die Sicherung nationaler Rechte für das Judentum in den Ländern der Zerstreuung auch um den Preis schwerster Schädigung des Einzelnen angestrebt werden, soweit dies zur Sicherstellung der Fortdauer des jüdischen Volkes erforderlich ist. Alle drei Teilfragen, in die sich das Problem der nationalen Rechte der Juden auflösen läßt, die Machtfrage, die Frage nach dem Inhalt dieser Rechte und die nach ihrer nationalen sowie individuellen Nützlichkeit hatten auch für die Hauptfrage der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung, die im ersten Punkt des Kongreßprogramms ausgedrückt ist, Bedeutung. Über die Machtfrage läßt sich kaum mehr sagen, als was in dem Bericht über den Verlauf der Kongreßbewegung bereits gesagt wurde. Die Richtung, die das nationale Judentum auch in seiner Isolierung schon während des Krieges für stark genug zur Durchsetzung der nationaljüdischen Forderungen hielt, konnte ebensowenig einen Beweis für die Richtigkeit ihrer Überzeugung geben wie die andere Richtung, die eine Allianz befürwortete. Der einzige Beweis wäre nur der Heft 7 26