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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 5-6 · p. 362

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 5-6
Article
Völkerpsychologie
Date
1920-01-01
Page
362 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Völkerpsychologie 362 glaubt, weil sie irgendwie seine Gefühle kitzeln. Gerade auf dem Gebiete der Rassenforschung kommt uns diese Tatsache besonders zum Be- „ wußtsein. Brunner begnügt sich aber nicht mit Kritik, sondern schreitet auch zur Errichtung einer eigenen Rassentheorie des Judentums fort — es ist staunenswert, wie auf dem unsicheren Boden das Konstruktionsbedürfnis selbst die kritischsten Geister beherrscht —, und hier kommt der Punkt, bei dem wir ihm nicht folgen können. Auf zwei Grundlatsachen stützt er sich bei dieser Konstruktion: zunächst darauf, daß von verschiedenen Rassenforschern die sogenannte „Isomorphie" des „jüdischen. Typus", d. h. sein Vorkommen unter den verschiedensten menschlichen Rassen (z. B. sogar unter den Japanern) beobachtet worden ist; zweitens aber darauf, daß die jüdische Rasse selbst (vermöge von Mischehen) die größte Mannigfaltigkeit menschlicher Rassetypen umfaßt. Das Material, das Brunner zur Bestärkung dieser beiden Thesen herbeiträgt, ist äußerst interessant. Er schließt daraus nun folgendes: die jüdische Rasse ist die zentrale Rasse, die die Mitte zwischen den übrigen hält, ihre Rassenmannigfaltigkeit oder, was auf das Gleiche herauskommt, Rassenlosigkeit stellt ihr wesentliches Rassemerkmal dar. Nun aber zeigt der jüdische Typus andererseits die verhältnismäßig größte Konstanz, was durch Ähnlichkeit der jüdischen Bildnisse des Altertums und der Samariter mit den heutigen Juden bewiesen wird. Aus allen diesen Tatsachen ergibt sich ihm der historische Schluß, daß „dieses spezifisch Jüdische nichts anderes ist wie das Mittelmenschliche, das alle Typen in der Ungeschiedenheit enthaltende Urtypische ... der genetisch einheitlichen Menschheit" (S. 140), und durch all dies erklärte sich ebensowohl die Anpassungsfähigkeit des jüdischen Typus wie sein „Wirken in der Menschheit", das Hineingestelltsein seines Schicksals in das „Schicksal der Menschheit" (S. 141). Äußerst geistreich, aber mit strengem wissenschaftlichen Maßstab gemessen, den Brunner vorher selbst an die anderen Rassentheorien angelegt hat — unhaltbar. Worauf beruht die „Isomorphie des jüdischen Typus"? Zum größten Teil, wie Brunner selbst zugibt und mit interessanten Daten belegt, auf Rassenkreuzung, vor allem durch die Einheirat von Jüdinnen in christliche Familien, sodann auf Proselytismus (jüdische Chinesen oder Abessinier). In beiden Fällen beruht die Isomorphie auf der nachweisbaren Kreuzung verschiedener Rassentypen, und daher kann der jüdische Typus nicht als der Zentral- oder Urtypus der Menschheit hingestellt werden. Das fühlt auch Brunner selbst ünd legt daher das größte Gewicht auf die (schon von Ten Kate hervorgehobenen) Fälle, wo irgendwelches Sich- Berühren mit den Juden ausgeschlossen erscheint, wie z. B. das Vorkommen des jüdischen Typus bei Japanern oder nordamerikanischen Indianern. Indessen, was zeugt dafür, daß es sich hier um historische Provenienz und nicht um äußere Ähnlichkeit handelt? Die „eigentümlich gekrümmte Nase", die „Gestalt der Oberlippe", die „Andeutung von Prognatismus", die Ranke'als „die wichtigsten Ähnlichkeitsmerkmale" mancher japanischer Physiognomien mit jüdischen bezeichnet, bedeuten eben zunächst nichts mehr als Ähnlichkeit, und solange nicht ein historischer Nachweis erbracht ist, muß ihr jüdischer Ursprung natürlich in Abrede gestellt werden. Muß man denn überhaupt bei jeder morphologischen Ähnlichkeit sogleich auch an Identität des Ursprungs denken? Können nicht bestimmte morphologische Merkmale, die in einem Falle für eine Rasse typisch sind, im anderen Falle bei Einzelindividuen einer anderen Rasse auf einer zufälligindividuellen Kombination der Morphologie der Eltern (resp. Voreltern) bei dem Nachkommen beruhen? Aus seiner eigentümlichen Rassetheorie der Juden zieht Brunner, wie wir gesehen haben, auch Konsequenzen bezüglich ihres geistigen Habitus, ihrer Wirkung in der und für die Menschheit. Dieser Habitus ist richtig umschrieben, aber — nach dem Gesagten — unrichtig abgeleitet. Seine Wurzel ist nicht eine anthropologische, nicht jene angeblich physische Zentralstellung der Juden in der und ihre Urbedeutung für die Menschheit, sondern eine historische und seelische. Der aus der Erfahrung bekannte und auf die Juden wie zugeschnittene allgemeine Satz, daß die Schwachen stets die Träger der Ideen des Rechts und der Menschlichkeit sind, überhebt uns m. E. der Notwendigkeit, zu irgendwelchen rassen-konstitutionellen ^Eigentümlichkeiten Zuflucht zu nehmen, um die humanitäre und politische Rolle der Juden in der Geschichte zu erklären. Die geschichtliche Lage der Juden, die Diaspora, -die die fundamentale Tatsache ihres historischen Daseins bildet, erklärt in durchaus ungezwungener Weise jenen Kosmopolitismus, jenes stete Eintreten für Rechtsideen usw, die ihr Charakteristiken im Völkerleben bilden. Müssen wir in diesem Punkte die Theorie Brunners ablehnen, so sei doch hervorgehoben, daß seine Darstellung überall packend, geistreich und vergeistigt bleibt. Elias Hurwicz

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