Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Völkerpsychologie
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 360 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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gßo Umschau: Völkerpsychologie FORSCHUNG UND ERKENNTNIS VÖLKERPSYCHOLOGIE Vorigesmal (siehe „Der Jude", Heft i, S. 57) haben wir zwei christliche Philosophen (Spengler und Keyserling) über die jüdische Psychologie vernommen. Heute wolen wir sehen, wie die Juden selbst über ihre eigene Psyche denken. Drei Juden sollen hier zu Worte kommen: der eine ein bewußter Assimilant, der zweite ein bewußt neutraler (d. h. anaUonaler) Jude, der dritte ein schlichter Mann der Wissenschaft, der sein Problem wohl am objektivsten erfaßt. Beginnen wir mit diesem letzteren. In einer kleinen, aber inhaltsreichen Schrift „Die geistigen Typen der Juden und die Revolutionsbewegung** (Heidelberg 1920, Kommissionsverlag Alfred Wclffs Buchhandlung) versucht Dr. Arnold Sack eine gedrängte Psychologie der Juden zu geben. Ob als Ausdruck einer besonderen rassenbiologischen Gebundenheit oder als Ergebnis eines historischen Druckes und Gegendruckes, die spezifische jüdische Geistigkeit bleibt für dei* Verfasser mit Recht etwas, was nicht wegdisputiert werden kann. Das Dogma von der rein semitischen Einheit der jüdischen Volksgemeinschaft verwirft er, weil die als semitisch verschrieenen Gesichtszüge der Juden, wie die fleischige Hakennase, wulstige Lippen, abstehende Ohren usw., bei echten Semiten, vor allem bei den Arabern, nur selten vorkommen, während sie bei dem arischen Volke der Armenier überaus oft angetroffen werden. Die Mannigfaltigkeit des jüdischen Rassentypus zeigt sich schon in dem Unterschiede zwischen den Spaniolen und den Aschkenasim. Indessen geht der Verfasser wohl zu weit, wenn er im Gegensatz zu dem Typus des polnisch-litauischen Juden noch eigens den Typus eines „Steppenjuden** in der Ukraine behauptet, welch letzterer unleugbare S.uren der Vermischung verrät z. T. mit den slavischen und mongolischen Ureinwohnern des südlichen Rußlands bzw. mit den alten Kasaren. Zweifellos übt das südliche Kima einen bestimmten und jedenfalls realeren assimilierenden Einfluß aus, als jene recht problematischen und schwer feststellbaren rassenhistorischen Momente. Von der Struktur der jüdischen Psychelcgie (und wohl von jeder anderen?) hat der Verfasser den folgenden, wie mir scheint, zutreffenden Begriff. Sie besteht aus einer konstanten seelischen Neigung, die jedoch eine Verbindung mit den jedesmaligen histcrischen Bedingungen als Varianten eingeht, und aus dieser Mischung ergibt sich dann die jeweilige Dominante des geistigen Typus der Juden in jeder geschichtlichen Epoche. Es scheint mir aber ein (lcgischer wie psychologischer) Widerspruch zum Wesen einer seelischen Dominante zu sein, wenn der Verfasser meint, daß diese sich in zwei oder mehr einander entgegengesehen Arten, ja in einer Durchkreuzung und Überschneidung aller mc glichen geistigen Wirkungen äuCern kann. Und doch ist gerade diese Polarität für den Verfasser das Kennzeichen der jüdischen Geistesgeschichie, das sie ein m roten Faden gleich durchzieht. Diese Polarität bestehe schon während der biblischen Epoche zwischen den Gesetzesgläub;gen und den Propheten, die ja eine Emanzipation vcm Dogma und vom Kultus angestrebt haben. Sie komme dann auch später in dem Gegensatz der sachlich begrifflichen Welt der orthodoxen Talmudisten und dem utopisch-transzendenten Reich der mystischen Chassidim zum Ausdruck. Ja den gleichen Gegensatz findet der Verfasser in der Verschiedenhsit der Geistesstruktur eines Marx und eines Lassalle: dert ein spl tterscharf analytisches, ja geradezu nach talmudischen Beispielen rabulistisches Verfahren, eine strenge Wissenschaf tüchkeit; hier geistiger Aufschwung, Gemütsfülle und crganisatcrisch-schöpferische Tatkraft. Wie schwankend schließlich der ganze Begriff der Dominante bei Sack wird, ersieht "man aus seinem gelegentlich und unwillkürlich fallenden, aber desto charakteristischeren Worte von dem „Proteusgesicht dieses (d. h. des jüdischen) Volkes". Es geht eben nicht an, eine seelische Dominante mit ihren histcrischen Varianten zu identifizieren. Sagt man, daß die Eigenart eines Volkes in der Mannigfaltigkeit oder gar Polarität ihrer empirischen Äußerungen besteht, so ist das keine inhaltliche Aussage über diese Eigenart, denn eine selche seelische Mannigfaltigkeit und Polarität findet sich bei allen Völkern, die über die historische Stufe primitiver Einförmigkeit hinausgekommen sind, und beispielsweise das Nebeneinander von strengem Konservativismus und uferlcsem Revoluticnismus, das Sack an sich mit Recht bei den Juden hervorhebt, fällt uns bei diesen nur desha'b auf, weil ihre Lage überhaupt eine expenierte ist. Jedenfalls gilt es, in, an oder möglicherweise außerhalb der empirischen und historischen Varianten das seelisch Gemeinsame nachzuweisen, das also jüdische Propheten und jüdische Gesetzesgläubige, Orthodoxe und Chassidim, Marx und Lassalle verbindet, wenn dies auch,