Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Presse und Assimilation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 350 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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350 Bemerkungen: Presse und Assimilation nach wie vor durch Berichterstattung, Mitarbeiterschaft und Vielseitigkeit des Inhalts ein bestimmter intellektueller Genuß geboten wurde, war oft nicht mehr gleichzeitig liberaler Wähler oder durch das Eintreten der breitesten Schichten ins politische Leben vereinzelt und überstimmt. Das Tragische an diesem Absterben der Presse liegt gerade darin, daß ihre Leserzahl nicht zusammengeschmolzen ist, ihre Auflage und ihr Budget'sich nicht verringert hat, daß diese Großmacht, deren Beifall durch so viele Jahre den Erfolg, deren Schweigen schon das Debacle bedeutete, vielmehr in voller Größe und Blüte ignoriert und ausgeschaltet zu werden begann und nur mehr die armselige Funktion hat, anzuregen und zu informieren — dieselbe, mit der sie vor Jahrhunderten in die Kulturgeschichte eingetreten ist. Die Macht über die Geister hat sie wieder eingebüßt und zum Teil an die Parteipresse abgetreten. Diese Entwicklung, deren Anfänge weit zurückgehen, erfuhr ihren Abschluß durch den Krieg; die jahrelange Drosselung und vollständige Unterwerfung des Zeitungswesens unter eine streng gehandhabte Zensur nahm ihr den Nimbus der Orientier theit, des erlesenen Nachrichtendienstes, der Unfehlbarkeit und den Rest der Popularität; als sich die Lage so verschärfte, daß zwischen Bestehendem und Destruktivem gewählt werden mußte (eine Wahl, die auch die Assimilation in Bestürzung versetzte), konnte die Presse ihre alten, wichtigen Beziehungen nicht verleugnen und mußte, vielfach gegen ihren Willen, sich zu einem Reklameinstrument der Kriegsverlängerer herabwürdigen, sie, die selbst so lange den Ton angegeben hatte. Hand in Hand mit ihrem Abstieg ging das Debacle der Assimilation, das durch einen immer heftiger sich geltend machenden Antisemitismus gekennzeichnet wird: auch ihn hatte die Presse totzuschweigen oder lächerlich zu machen gesucht und dies auch auf den jüdischen Nationalismus, der einzigen Bewegung, die ihn klar erkannte und ihm zulänglich antwortete, ausgedehnt. Das Bollwerk der gänzlich verunglückten Assimilation ist immer die liberale Presse gewesen, die gleichzeitig ihre lehrreichste Widerlegung ist; ganz gegen ihren Willen projizierte sie die Unmöglichkeit des Aufgehens jüdischer Eigenart in bodenständiges Volkstum in gigantischen Dimensionen vor aller Augen. Sie ist das Prototyp der Assimilanten- Selbsttäuschung in ihrer festen Überzeugung, deutsch und volkstümlich zu sein — einer Ansicht, die je nach Gesinnung und Temperament bei der Umwelt Hohn, Verachtung oder stürmische Abwehr erfährt. Schon in ihren guten Jahren hätte ihr die lehrreiche Figur des „Schmock" zur Warnung dienen können, daß die Öffentlichkeit sehr wohl das Exotische und Ungewöhnliche ihrer Tätigkeit einzuschätzen wußte und diese keineswegs für einen echten Zweig deutschen Geisteslebens zu nehmen gewillt war. So mußte folgerichtig gerade ein Freiwerden der Meinung der Massen, deren Geistesrichtung und deren wirtschaftlichen Nöten die Großpresse nie entgegengekommen war, ihre Ausschaltung und gleichzeitig eine energische Ablehnung der jüdischen Assimilation zur Folge haben, als welche sich ja der Antisemitismus zum allergrößten Teile darstellt: er ist nicht stärker, er ist nur frei geworden. Alle aber, die daran arbeiten, klare Begriffe im öffentlichen Leben wiederherzustellen und die Herrschaft der leeren Schlagworte zu brechen, werden, selbst auf die Gefahr hin, Demagogen oder Chauvinisten gescholten zu werden, immer mit den beiden, miteinander in innigster Wechselbeziehung stehenden Erscheinungen der Großpresse und der Assimilation in Konflikt geraten müssen, selbst dann, wenn sie von wirtschaftlichen Beweggründen so vollständig absehen wollen, wie es hier geschehen ist. Oskar Karbach