Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Presse und Assimilation
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 349 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Presse und Assimilation 349 Gelegenheit vorübergehen lassen, von dieser einzigartigen Rednerbühne aus durch den Mund seiner markantesten Vertreter sich bemerkbar zu machen. Wer jüdisches Wesen kennt, dem ist es selbstverständlich, daß eine derartige Erscheinung die Juden unwiderstehlich anziehen mußte: ob das Zeitungswesen, das auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblickt, erst durch jüdische Mitarbeit damals diese mächtige Entwicklung genommen hat oder ob sie samt der Judenbefreiung nur das Produkt eines bestimmten Kulturzustandes war, der dies alles mit Selbstverständlichkeit mit sich * brachte, ist eine der historischen Fragen, für deren Beantwortung hier nicht der Raum ist. Fest steht, daß die Zeitungsarbeit von vornherein den Juden viel Zusagendes bieten mußte: von den lästigsten Fesseln der Bevormundung befreit, verlangte sie von ihren Jüngern einen offenen Kopf und eine flinke Feder und verzichtete auf Diplome und Graduierung; hier war jeder rindige und fähige Mitarbeiter gerne gesehen, ohne daß man in bezug auf Abstammung und Religion allzu rigoros war. Hier konnte man nach Herzenslust die Enge der Spießbürgerlichkeit vergessen, den Atemzug der großen Welt vernehmen — ohne einen Fuß aus dem Hause zu setzen, und die neuen Errungenschaften der Technik wetteiferten miteinander, dem Redakteur in seiner engen Schreibstube in bunter Fülle das Neueste und Fernste auf das bequemste zu vermitteln. In seiner Hand lag es, ob er der trägen Masse draußen Mitteilung davon machen wollte oder nicht; was nicht gedruckt war, das existierte nicht für Europa, während der inappellable Einwurf „es steht aber" jede Diskussion siegreich beendigte. GrößtmöglicheAusweitung derPersönlichkeit bei geringster Exponierung charakterisiert den Publizisten, charakterisiert aber ebenso das Wesen der Assimilation; auch sie wünscht nicht nach Nam' und Art gefragt zu werden, da sie ja — stets im Gegensatz zu den Ansichten der Umwelt in ihren breiten Schichten stehend ~- zu einem offenen Bekenntnis sich niemals hatte versteigen dürfen. Geistesveränlagung und Neigung, auch wohl wirtschaftliche Gründe in einer Zeit, wo das Erwerbsleben des Juden noch sehr beschränkt war, trieben ihn also zur großen Presse, schufen ihm dort Einfluß und unterwarfen diese unwillkürlich seiner originellen Art. Und von hier wird nun die Presse das getreue Abbild der Assimilation. Die Träger der fortschrittlichen Bewegungen um die Mitte des XIX. Jahrhunderts waren die Intellektuellen; sie identifizierten ihre eigenen Anschauungen, Absichten und Vorurteile mit denen der Allgemeinheit — vielleicht aus einem geistigen Stolz oder wenigstens einer Selbstzufriedenheit, die uns in jeder Zeile der damaligen Tagesliteratur entgegentritt, vielleicht aus Unkenntnis der Psyche des Volkes. Nur diese Geisteseinstellung konnte die Idee einer Assimilation der Juden verwirklichen wollen, indenen niemals ein Bauernknecht, ein Taglöhner, ein einfacher Soldat, ein Kleinbürger den Wesensgleichen, Geistesverwandten erblickt hat und erblicken wird. Die städtische, intellektuelle Mittelschicht war damals überzeugt, weil sie allein das Volk repräsentierte, daß sie auch tatsächlich seine berufene Vertretung sei, und konnte sich dieser Fiktion auch wirklich bedienen, da die unteren Schichten der Bevölkerung in Gleichgültigkeit verharrten. Je mehr aber die Sozialdemokratie und andere Parteien die breiten Massen zu erwecken und zu organisieren verstanden, desto isolierter wurde der Liberalismus, der durch diese Entwicklung gleichzeitig seine eigentliche Bedeuturig verlieren und langsam zu einer Standesvertretung gewisser Klassen des städtischen Bürgertums herabsinken mußte, — was ja heute bereits Tatsache geworden ist. Die neuen Parteien begannen nun, sich ihre eigenen Blätter zu schaffen; von vornherein verzichteten diese auf eine über den Massen thronende Unnahbarkeit und Unbeirrbarkeit; Ton, Sprache und volkstümliche Betrachtungsweise der Ereignisse machten sie zu wirklichen Beratern der Menge, die sich bei der Lektüre der Großpresse nie behaglich gefühlt haben konnte. So entglitt dieser langsam, aber sicher der Einfluß in der Politik; der Abonnent, dem