Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Jüdische Schule
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 345 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101169-3105536--4201-3105655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
BEMERKUNGEN t* Jüdische Schule Siebzehn sechsjährige Kinder, Knaben und Mädchen, alle erwartungsvoll — ihre noch erwartungsvolleren Eltern —, die Lehrerin und einige Ausschußmitglieder des „Jüdischen Schulvereins*' — vor diesem Auditorium habe ich heute eine Rede gehalten, mit mehr Freude als je. Heute 9 Uhr, 6. September 1920. Da wurde die erste Klasse der ersten jüdischen Volksschule in Prag eröffnet. Wenn man's genau nimmt, eine Wiedereröffnung. Gesperrt wurde die Prager jüdische Volksschule im Jahre 1873. Eine Wiedereröffnung also nach einem halben Jahrhundert ungefähr. — Die Schule stammte aus der Zeit Kaiser Josefs II. Aber im Jahre 1873, in der, ach so kurzen, liberalen Ära Österreichs, Ministerium Auersperg, glaubte die hoch weise Kultusgemeinde Prag sich dem Zuge der Zeit nicht länger verschließen zu dürfen. Sollte wirklich die Verschmelzung des Menschengeschlechts, und insbesondere des Prager Menschengeschlechts, zu einem einigen Volke von Brüdern „ohne Unterschied zwischen Jude und Christ" auch nur um eine Minute länger verzögert werden? Die Prager jüdische Schule hemmte diese nahe bevorstehende Verschmelzung auf bedenkliche Weise. Also weg mit ihr! — Es ging leicht und glatt. Auch goldene Verdienstkreuze, so hörte ich erzählen, regnete es bei dieser Gelegenheit in Hülle und Fülle. Die erwartete Menschenverbrüderung jedoch blieb aus. Man kann es heute ruhig eingestehen: vollständig blieb sie aus. — Und die jüdische Schule? Schnell zerstört war sie. Aufgebaut wurde sie erheblich schwerer und langsamer. Es hat beinahe ein halbes Jahrhundert gedauert, ehe wir die stumpfen Zähne (stumpf, weil die Väter Harlinge gegessen haben) wieder schärfen konnten. Und der scharfen Zähne hat es wahrhaftig bedurft. Der Aufbau (oder Wiederaufbau) der jüdischen Schule kostet bittere Kämpfe. Wir stehn noch mitten in ihnen. Ich will ein Geheimnis verraten — denn, wenn diese Zeilen gedruckt sind, schadet es wohl nichts mehr —, unsere Schule wurde sozusagen „mit stürmender Hand" gebaut. Man kann nicht sagen, daß alles geradezu pedantisch am Schnürchen ging. Da und dort klappt etwas nicht, das weiß ich. Und von andern Dingen ahne ich, daß sie gleichfalls nicht ganz klappen. Wohlgemerkt: vom Standpunkt einer gestrengen Schuluntersuchungsausschußberatungs-Behörde (oder wie das Ding. sonst heiße) klappt es nicht. Für die Schüler aber, was Qualität des Unterrichts anlangt, ist natürlich alles in bester Ordnung. Diese Behörden aber — oh, ich kenne jetzt ihre fast unerforschlichen Wege; ich weiß, wo ein Akt stecken bleibt; ich fühle es förmlich in den Fingerspitzen, wie da und dort etwas nicht stimmt oder nicht zur rechten Zeit stimmt. — Keine Angst, meine lieben Herren Mitgründer! Ich plausche nichts, ich verrate nichts. Ich werde doch nicht so blöd sein, unsere schwachen Seiten zu verraten. Ich bin nur so gut aufgelegt heute, förmlich betrunken vor guter Laune! Denkt euch nur, Brüder, vor einer lebendigen Realität bin ich heute gestanden, vor einem Konkretum, einem Oberkonkretum, wenn man so sagen darf, einem Höhepunkt des Konkretseins — vor siebzehn Kindern